Wurfscheibenschießen

Tage des Donners!

Auf dem Jagdparcours Dornsberg wollten 47 Schütz(inn)en aus sieben Nationen an drei Tagen mit 1.000 Wurfscheiben pro Kopf ins Guinness-Buch der Rekorde. Wir haben eine Rotte dabei begleitet.

Landauf, landab sprach man über das Event des Jahres am Bodensee, und so hörte auch die PIRSCH im fernen München davon. Ein Anruf bei Dominik Allartz, Herausgeber des Magazins dieflinte, und schon stand fest, dass er als Teilnehmer dabei ist und von uns bei dieser Tortur für Mann und Flinte begleitet wird. Am 11. Mai schließlich war es so weit, da begannen die Tage des Donners auf dem Dornsberg. Denn drei Frauen und 44 Männer schickten sich an, an diesen drei Tagen 47.000 Wurfscheiben zum Platzen zu bringen.

All dem ging eine generalstabsmäßige Vorplanung voraus, bei der Franz und Markus Leibinger alle Details penibelst durchspielen mussten. Der Dornsberg feiert dieses Jahr 30-jähriges Bestehen und hat auf seinen 50 gezäunten Hektar insgesamt 200 Wurfmaschinen gekonnt platziert, von denen jedes Jahr rund 1,5 Millionen Tontauben geworfen werden. Den 1.000er-Marathon teilten die Leibingers wie folgt auf: drei Tage lang morgens zwölfmal 14 Wurfscheiben, nachmittags elfmal 14 und einmal elf Tontauben – am Sonntagnachmittag eine Wurfscheibe mehr! Jeder Stand hat zwei Stationen à sechs bzw. acht Wurfscheiben und wird von einem Schiedsrichter beaufsichtigt.

Kawasaki-Mulen und John-Deere-Gators pendeln im Dauerbetrieb, um die Schützen zu befördern und für Munitionsnachschub zu sorgen. „Diese Größenordnung war auch für uns absolutes Neuland“, sagt Markus Leibinger. Das Größte, was er bisher mitgeschossen habe, waren 400 Tauben an zwei Tagen.

Tag 1: Gentlemen, start your engines!

Am Freitag rumpelt unsere Mule mit vier Mann – Franz und Markus Leibinger, Richard Schaugg (Schatzmeister der Dornsberg Schützen) und Dominik Allartz – zum ersten Stand. Pünktlich um
8 Uhr zerreißt ein Schuss des Hausherrn die Stille – die Tage des Donners sind eröffnet! 333 Ziele – die Hälfte vor der Mittagspause, die andere danach bis circa 17 Uhr. Nach den ersten drei Ständen scheint Dominik seinen Rhythmus mit der Beretta DT11 gefunden zu haben. „Jetzt bin ich drin“, bekräftigt er. Nach weiteren 14 Tauben nimmt er mich mit ernstem Gesicht zur Seite: „Denke, das ist ein guter Moment für eine Ansage – 70 Prozent ist mein Ziel!“ Ein paar Stände später wackelt diese Ansage schon wieder, und Dominik gesteht freimütig: „Ich bin leider eine Anschlag-Sau, ziehe nicht sauber in die Schulter und mache mir so viel kaputt.“ Noch zwei Stände später, beide mit flach und schnell streichenden Wurfscheiben gespickt, erhält er den nächsten Dämpfer.

Markus Leibinger, fünffacher Deutscher Jagdparcoursmeister, ist dagegen tiefenentspannt und nutzt die eine oder andere Gelegenheit, um seinen Mitschützen in der Rotte ein paar Frotzeleien zu drücken. Sowas wie „Gott segne die Randschrote“, was er Richard mitgibt, als dieser einem Querreiter eine minimal abplatzende Tonscherbe abringt. Was dieser für eine Anspielung nutzt, nachdem Markus dieses Jahr auf dem heimischen Dornsberg eben nicht Deutscher Meister wurde: „Seitdem er nicht mehr auf dem Treppchen steht, lässt er sich ’nen Vollbart wachsen.“ Spaß und Freude ist in der Rotte angesagt! Der 1.000er-Marathon ist ohnehin nicht mit einem internationalen Wettkampf zu vergleichen, bei dem an vier Tagen nur je 50 Wurfscheiben geschossen werden. Aber auch der „Grand-
seigneur“ Franz Leibinger bekommt sein Fett ab. „Fääähler“, ruft der ungarische Schiedsrichter bei einem gefehlten Looper. „Des musst nicht so laut sagen“, entgegnet Leibinger sen. augenzwinkend, und Gabor kontert: „Bin von Natur aus Stinkstiefel!“ Dominik plagen unterdessen Kopfschmerzen, was sich negativ auf seine Konzentration und seine Trefferprozente auswirkt – deshalb ist trinken angesagt, darüber hinaus machen sich Wange und Schulter bemerkbar. Nachdem er die letzte Taube des Tages geschossen hat, erklärt er mir, dass er platt sei und keine Lust mehr habe, auch nur 20 weitere Wurfscheiben zu schießen. Was sein Kollege Rainer Liese mit dem Spruch garniert: „Nach hinten wird der Bulle immer flacher!“ Dem Gelächter folgt abends ein Bekenntnis unseres Athleten: „Vor morgen hab ich Angst, ob ich meine 74 Prozent und Rang 18 halten kann.“

Tag 2: Sissy-Pad – ab in die Tonne!

Die Nacht über sinniert Dominik über Schmerzvermeidung und präsentiert sich an Stand 1 pünktlich um 8 Uhr mit einem in seiner Schießweste eingesteckten Rückstoßabsorberkissen. Kenner nennen solche Dinger scherzhaft „Sissy-Pad“, also eben was für Weicheier! So trifft Dominik beim ersten Durchgang mit acht Scheiben nur derer zwei. Langes Gesicht, woraufhin Markus ihm erklärt: „Erstens ist der Schaft jetzt quasi ein Zentimeter länger, zweitens, und das ist viel wichtiger, hast du keinen Kontakt mehr zur Flinte und merkst nicht, ob du den Schaft richtig oder falsch in die Schulter ziehst.“ Dominiks Reaktion hätte deutlicher nicht ausfallen können: Er entsorgt das Ding in der nächsten blauen Mülltonne! Und siehe da, der zweite Stand fällt viel besser aus. Man soll eben nicht ständig etwas verändern.

So geht es weiter – Looper, Rollhasen, Querreiter, Segler – alles wird beschossen, von sieben bis an die 70 Meter. Dominik gibt sich nach der Hälfte des Vormittags selbstkritisch: „Gestern war ich besser, ich schieße nicht mehr so konstant, lasse einige Tauben liegen.“ Immerhin steckte sein Körper bis kurz vor der Mittagspause die Schläge der Flinte von Schüssen auf fast 500 Wurfscheiben weg. Das ist ein bisschen so, als wenn man den Presslufthammer nicht in den Händen hält, sondern unter ihm liegt. Dennoch heißt es auch für diese Mittagspause: Kaffee, Wasser, kein Essen, denn sonst will der Körper nur eins – Ruhe und schlafen!

Schon eine halbe Stunde und die ersten beiden Stände später, befindet sich Dominik in einem handfesten Tief. „Meine Schulter tut jetzt richtig weh, und ich versuche, das mit dem Anschlag abzufedern.“ Die Folge liegt auf der Hand: unsauberer Anschlag, die Trefferprozente gehen in den Keller. Währenddessen schwächelt auch Richard, der nach eineinhalb Tagen den ersten (!) Rollhasen fehlt. Es beginnt die Zeit, in der man sich jede einzelne Taube richtig hart erarbeiten muss.

„Wenn’s wehtut, dann passt mein Anschlag“, sagt Dominik sichtlich zerknirscht. Er muss jetzt beißen! Hier zeigt sich der Unterschied zu einem Meisterschützen wie Markus Leibinger: „Wenn ich im Flow bin, kann ich das weiterschießen bis morgen früh.“ Und der kommt seit zwei Tagen sogar ohne eine Mittagspause aus, denn er hat zweimal den Rohschaft seiner Perazzi „High Tech S“ nachgefeilt, der jetzt passt – und zwei beschädigte Flinten von Teilnehmern repariert. Nur die Harten kommen in den Garten. Aber die Härteren bekommen die Gärtnerin!

Tag 3: Auf und ab auf der Zielgeraden

Mit diesem lockeren Spruch leitet unsere Rotte den Tag ein. Die Devise von Dominik ist aber eine andere: „Aufholen, nichts verändern und die Sache sauber runterschießen.“ Trotzdem ist keiner davor gefeit, hier nicht mental und körperlich abzubauen. Franz Leibinger etwa erklärt, dass, wenn er müde wird, plötzlich sein linkes Auge dominiert und die Führung übernimmt. Was er dagegen unternimmt, will ich wissen. „Von Abkleben halte ich nichts, denn darunter leidet das räumliche Sehen. Ich kneife dann beim Hochfahren das linke Auge leicht zu und stärke so das rechte. Aber das ist natürlich bei jedem Schützen anders.“

Richard ist in den dritten Tag mit neuer mentaler Stärke zurückgekehrt. Kein Sackenlassen der Flinte und Gefluche nach Fehlschuss, sondern volle Konzentration auf die nächste Taube. Franz Leibinger: „Viele Schützen schießen nach einer gefehlten Taube die nächsten beiden auch vorbei. Weil sie immer noch über den Fehler nachdenken.“ Nachdem Dominik im Laufe des Vormittags eine komplette Nullrunde hinlegt, nimmt Franz ihn sich beiseite und macht ihm klar, dass er jeden Fehlschuss sofort abhaken muss. Der Nachmittag wird zur Kraftprobe – körperlich, aber vor allem mental. Dominik zum Beispiel verlässt nach der ersten Station einfach den Stand und wird von Richard zurückgepfiffen. Noch fünf Stände und 70 Wurfscheiben vor Schluss gesteht Dominik, dass er froh ist, wenn’s vorbei ist. Er will seine Trefferprozente retten, also bei einer Dublette lieber zweimal auf die sichere Taube schießen und die schnelle sausen lassen. So kurz vor Ende reißen sich alle zusammen, und es ist Richard, der zu Topform aufläuft. Bei Dominik soll es ein sündhaft teurer Öko-Müsliriegel richten. Und selbst Markus zählt mit, schließlich hat er auf einem Stand drei Tauben liegen lassen und kann sich noch maximal drei Fahrkarten leisten, um seine 90 Prozent zu erreichen. Kein Wunder also, dass Richard ihn zum Schluss neckt: „Komm, die Letzte schießte mal vorbei, schon zur allgemeinen Belustigung.“ Und plötzlich ist’s rum – 1.000 Tauben pro Mann!

Lachen, Händeschütteln, die Mule bringt uns zurück zum Hof. Bei einem kühlen Bier frage ich Dominik, ob er denn nochmal antreten würde. Am Ende des Tages obsiegt immer das Gefühl, es geschafft zu haben und damit das Positive. So fällt sein Bekenntnis vorhersehbar aus: „Klar würde ich es wieder machen!“ Markus Leibinger konnte mit 902 und 46 Wurfscheiben Vorsprung auf den Zweitplatzierten den Sieg einfahren, während Franz Leibinger mit 817 und Richard Schaugg mit 811 Tontauben abschließen. Und unser Dominik? Der kam auf Rang 27, zerbröselte 727 Wurfscheiben und konnte mit 72,7 Prozent sein am ersten Tag anvisiertes Ziel sogar noch übertreffen!

Ist denn da noch Luft nach oben?

Vor allem, weil das Team so harmoniert hat und die Technik durchhielt, denkt Markus Leibinger schon weiter: „Das machen wir auf jeden Fall wieder, aber auch irgendwie anders. Dass so etwas zieht, sieht man an zehn Teilnehmern, deren Namen ich nie gehört habe. Und ich bin seit 25 Jahren in der Parcoursszene unterwegs.“ Vielleicht wird nächstes Jahr auch einer der Ideengeber zu diesem Event, Reinhold Winterl aus Niederbayern, mit am Start sein. Und das Guinness-Buch? Auf das können wir verzichten. Denn ob Eintrag oder nicht – die sportliche Herausforderung und die Freude daran, gemeinsam etwas auf die Beine gestellt zu haben, stand bei allen an erster Stelle. Und das ist doch auch rekordverdächtig, oder?

Text & Bilder: Sascha Numßen