Neues In-Ear-System SHOTHUNT

Italienische Sportdämpfer

Der Markt für In-Ear-Systeme bei den Schützen boomt. Sie sind klein, leicht und schränken weder die Bewegungsfreiheit des Kopfes ein, noch klacken sie beim Anschlag auf den Hinterschaft. Die italienische Firma EURO SONIT hat auf der IWA 2017 ein neues Gerät den Fachbesuchern vorgestellt.

Die Älteren unter Ihnen werden sich noch erinnern. Kam man früher auf den Schießstand und grüßte mit einem fröhlichen „Hallo!“, gab es immer das gleiche Ritual: Alle bogen einseitig am Kopf eine Plastik-Halbkugel ihres Passiv-Gehörschützers nach oben und antworteten mit einem überlauten: „Häääh?, Ach so …, ja, Hallo!“. Der einzige Vorteil dabei war, dass man sich besser konzentrieren konnte, weil nicht alles neben einem quasselte. Eine Unterhaltung mit den schallgedämpften Schaumstoff-Dingern war nur bedingt möglich.

Gar nicht lange davor gab es gar keinen Gehörschutz für Flintenschützen. Da war es völlig normal, wenn der jagende Opa so schwerhörig war, dass man ihm nur noch ins Ohr schreien konnte. Als man dahinter kam, dass die Taubheit von Opa eventuell etwas mit seiner Flintenleidenschaft zu tun haben könnte, kamen die ersten Gehörschützer auf den Markt. Passiv-Kapselschützer waren das Einzige, was man beim Jagdausrüster bekommen konnte. Das war zu einer Zeit, als ein „Mobiltelefon“ noch ein Wählscheibenapparat war, dessen Kabel von der Diele bis ins Wohnzimmer reichte! Diese Kopfhörer waren noch Nischenprodukte der Firmen, die normalerweise Gehörschutz gegen Baustellen- oder Maschinenlärm anboten. Einfache, mit allerlei Dämmmaterial ausgestopfte Plastikschalen, aus denen man im Sommer in den Hemdkragen „schweißte“.

Die Nachfrage bei den Schützern stieg gewaltig, als das Tragen auf Schießständen zur Pflicht wurde.

Vor ca. 20 Jahren beobachtete man plötzlich, dass die Schützen nicht mehr eine Kapsel vom Ohr hoch hebelten, wenn sie sich miteinander unterhielten. Völlig entspannt, mit den Händen in den Taschen, standen Sie mit „Mickey Mäusen“ auf dem Ohren und verstanden trotzdem jedes Wort. Da waren nämlich plötzlich Knöpfe und Regler an den Kapseln zu sehen, die Geburtsstunde der „Aktiven“. Der Klang wurde mit Mikrofonen zu Innenlautsprechern geleitet, die Verständigung war gut und beim Schuss riegelten die Geräte mehr oder minder gut ab. Nach dem Schuss machten sie das Mikro meist träge wieder auf, die Verständigung war daher oft irritierend.

Die ersten Generationen waren noch große, klobige und schwere Halbschalen, mit denen man fast Angst haben musste, beim Durchqueren von Türrahmen hängen zu bleiben. Im Laufe der Zeit wurden sie immer flacher und akustisch klarer, für das Anbacken flachte man sie an der unteren Kante ab, sodass sie immer weniger störten. Kopfhörer bieten auf geschlossenen Kugelbüchsen-Ständen immer noch den subjektiv besten Schutz.

Seit ein paar Jahren dürfen selbst Berufsjäger und Förster laut Berufsgenossenschaft überhaupt nicht mehr „oben ohne“ knallen, Schwerhörigkeit aufgrund Schussknall wird heute als Berufskrankheit rigoros abgewiegelt. Dies alles führte zu weiterer Steigerung der Nachfrage. Heute ist das Tragen von Gehörschützern bei Training, Turnieren, Einzel- und Treibjagd völlig normal.

Die Industrie hat im 21. Jahrhundert Mikroprozessoren, Lautsprecher und Mikrofone auf eine Größe schrumpfen lassen, die man nur noch in einem Mikroskop als solche erkennt. Diese Technik macht sich auch die Gehörschützer-Branche zu eigen, indem sie immer kleinere und immer leistungsfähigere Geräte auf den Markt bringt.

Firmen, vorwiegend aus der Hörgeräte-Branche, bringen immer mehr Mini-Geräte für
Jäger und Sportschützen heraus. Beim Flintenschießen sind diese In-Ear-Systeme weiter auf dem Vormarsch.

Man schätzt bei den kleinen Stöpseln besonders den Tragekomfort. Gegenüber Kapsel-Schützern vermisst man als erstes das störende Klacken am Hinterschaft, welches schon so manche Macke in der Schaft-Holzklasse 12 hinterließ. Es wird ein Anschlag möglich, den man nicht mehr missen möchte.

Seit diesem Jahr buhlt auch die Mailänder Firma EURO-SONIT um die Gunst der Kunden, die ihre 1-Gramm-Geräte unter dem Namen SHOTHUNT vertreibt. Das Logo der Firma, welches dem von Batman verblüffend ähnlich sieht, sticht einem auf der sehr edlen Verpackung sofort ins Auge. In diesem Karton könnte man auch Parfum oder teuren Schmuck vermuten. In ihm: Eine sehr solide Aufbewahrungsbox, in der sich die Geräte, Wechselbatterien und ein Reinigungs-Bürstchen mit Magnet für den bequemen Batteriewechsel befinden.

Drei Modell-Variationen werden bei SHOT-HUNT angeboten: STANDARD, PBS und WIRELESS.

Zunächst zu den Gemeinsamkeiten der drei Geräte: Die Reaktionszeit beträgt sagenhafte 1,5 Millisekunden, um den Schussknall um 32 dB herunter zu regeln. Die Lautstärke, ab der abgeriegelt wird, beträgt 82dB. Eine Hörverstärkung für Umgebungsgeräusche, Tierlaute oder Unterhaltungen kann bis 20 dB eingestellt werden. Mit diesen Werten spielt der SHOTHUNT schon mal in der Oberklasse. Drei verschiedene Größen Schaumstoff-Stöpsel für verschiedene Ohrgrößen werden mitgeliefert. Durch Kneten werden diese vor dem Einführen zusammengedrückt. Durch einen Memory-Effekt des Materials passen sich die Stöpsel dann an die Ohr-Textur ihres Trägers schalldicht an. Wie man von Einweg-Ohrstöpseln gewohnt ist, fühlt sich dieses Material naturgemäß immer etwas klebrig an den Fingern an. Der Vorteil bei den Shothunts ist, dass sie dadurch nicht erst beim Akustiker angepasst werden müssen, sondern direkt betriebsbereit sind.

Das Modell Standard ist für Jäger konzipiert und, ganz jagdlich, in Orange-Braun gehalten. Den Strom liefern Batterien Nr. 312. Diese sollen bis zu 220 Stunden Dauerbetrieb durchhalten. Die Hörlautstärke wird hier über ein Drehpoti stufenlos geregelt, was auf jeder Seite separat erfolgen muss.

Das Modell WIRELESS ist im Prinzip dasselbe, es hat jedoch zusätzlich eine Drahtlosfunktion für den Anschluss von Mobiltelefonen oder Funkgeräten. Um diese zu verbinden, benötigt man jedoch den „Magnetic Iduction Neckloop“, eine Halsschlaufe mit Mikro, Sprechtaste und Stecker für das jeweilige Intercom-Gerät. Beim Kauf muss man angeben, welcher Plug dies sein soll, z. B. ein Micro-USB für Samsung oder ein Apple-Lightning, was natürlich dem universellen Einsatz schadet.

Das von uns getestete Gerät war das Modell SHOTHUNT PBS, welches speziell für Sportschützen angeboten wird und auch in sportlichem Blau daher kommt. Es hat keine Wireless-Funktion und keine Dreh-Lautstärkeregler. Stattdessen lassen sich über einen kleinen Taster drei voreingestellte Verstärkungsprogramme einstellen. Der Taster lässt sich gut erfühlen. Auf Stufe 1 bietet das Gerät nur den Gehörschutz, Umgebungsgeräusche werden stark gedämpft. Die Stufe 2 lässt zusätzlich Umgebungsgeräusche in normaler Lautstärke durch und auf Stufe 3 werden Geräusche/Sprache verstärkt wiedergegeben. Durch ein, zwei oder drei Beep wird dem Träger das aktuell eingestellte Programm akustisch mitgeteilt. Praktisch war dies auf dem Schießstand, wenn man zwischen seiner Runde, bei der man konzentriert schießen möchte, schnell per Knopfdruck die Geräuschkulisse hinter sich abschalten kann. Ist die Runde durch, kann man sich mit nur einem Knopfdruck wieder normal unterhalten. Mit dem STANDARD-Modell wäre hier jedes Mal ein hin- und her regeln mit den Drehschaltern nötig gewesen. In dem PBS stellen Batterien Nr. 10 die Energie zur Verfügung. Sie sollen laut Datenblatt für 140 Stunden Dauerbetrieb halten. Unübersichtlich war die Kennzeichnung von Rechts und Links. Als Brillenträger muss man die kleinen Symbole in 5-Punkt-Lettern auf den Stöpseln suchen, zumal das Symbol für Links auch noch in blauer Schrift auf blauem Grund gedruckt ist!

Bei unserem Test stieß die 3-fach-Programm-Reglung auf geteilte Meinungen. Während die einen damit hervorragend zurechtkamen, waren den anderen die Stufe 2 zu leise und Stufe 3 zu laut. Die übertragene Klangqualität ist sehr gut verständlich, hört sich allerdings etwas Höhenlastig an.

Da die individuelle Hörstärke bei jedem anders gut ist, bietet die Firma die Möglichkeit, eine persönliche Auswertung seines Akustikers einzusenden. Die Geräte werden dann ab Werk auf die eigene Hörstärke voreingestellt. Dies was bei unseren Testgeräten natürlich nicht möglich. Ansonsten hatte der SHOTHUNT einen klaren, guten Klang. Fazit: Er kann mit einem Highend-Gerät, welche 

z. T. der Ohrform mit Abdruck angepasst werden (und auch mehr kosten), nicht ganz mithalten. Trotzdem ist er empfehlenswert. Für knapp 500 Euro ist der Shothunt, wie seine Mitbewerber, natürlich auch nicht ganz billig … Aber was ist schon billig beim Flintensport!