Frauenpower am Gewehrschaft!

Frauen erobern eine Männerdomäne

Frauen sind bei Jagd- und Schießsport nicht mehr wegzudenken. Der frühere, raue Militärton mit übertriebenem Maskulingehabe, Saufgelagen und sexistischen Witzbolden, wenn man „unter sich“ war, ist erfreulicherweise fast verschwunden. In der Gegenwart von Damen wird sich plötzlich benommen, was ein sehr positiver Nebeneffekt ist. Auch die Ausrüsterindustrie hat diesen Trend bemerkt und reagiert.

Die Zeiten, in denen nur muskulöse Männchen schwere Speere auf Mammuts werfen konnten, sind endgültig vorbei. Mittlerweile ist jeder vierte Teilnehmer in Jagdscheinkursen eine Frau. Bei den Turnierschützinnen sieht die Situation mit der stetig steigenden Zahl der Damen nicht anders aus.

Der Schießsport in Deutschland entstand „als Nebenprodukt“ im vorletzten Jahrhundert aus den traditionellen Schützenvereinen (Bürgerwehren). Diese waren reine Männergesellschaften, bei denen Frauen nur bei der jährlichen Proklamation des Schützenkönigs geduldet wurden und ansonsten höchstens für ausreichend Speis und Trank sorgen durften.

Während die Herausforderung nur darin bestand, in geselliger Bierrunde so lange auf einen Holzvogel rumzuschießen, bis dieser von der Stange fiel, gingen bereits Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Sportschützen andere Wege und führten hoch konzentrierte Wettkämpfe um das Präzisionsschießen mit Kurz- und Langwaffen aus.

Waren es allerdings damals noch eher grobschlächtige Flintenweiber in Männerklamotten, die sich vereinzelt mit den noch kiloschweren Schießprügeln unter das Schützenvolk mischten, haben sich heute die Zeiten völlig gedreht.

Das Bild der martialischen Domäne, in welcher nur die unrasierte, wurstfingrigeund grimmig dreinschauende Männerweltmit Waffen umgehen kann, existiert nicht mehr. Immer mehr sehr gute Schützinnen beweisen, dass heutiges, perfektes Flintenschießen nur mit Technik und Reaktionsvermögen und überhaupt nichts mehr mit besonderer Muskelkraft zu tun hat.

Leichte Hightechwaffen mit federleichten Abzugsgewichten und sauber laufende Systemverschlüsse, an denen man sich keinen Fingernagel mehr abbricht, sind heute Standard. Weich schießende Patronen, Kick-Stops in Hinterschäften und rückstoßarme Selbstladeflinten tragen ihren Teil dazu bei. Frauen auf dem Schießstand und bei der Jagd werden schon lange nicht mehr aus dem Augenwinkel mitleidig belächelt, sondern gehören völlig selbstverständlich dazu. Unter Ihnen gibt es genauso viele Anfänger und Cracks wie bei der männlichen Konkurrenz. Nur sind diesenach guten Treffern nicht so laut und trommeln sich nicht dabei auf die Brust …

Dieses völlig neue Klientel in Form von Jägerinnen und Sportschützinnen ist der Industrie nicht verborgen geblieben. Längst ist schon der Zubehör- und Bekleidungsmarkt auf diesen Trend aufmerksam geworden und bietet Produkte nur für Frauen an. Bisher beschränkte sich das Angebot auf Schießwesten im Damenschnitt, Mützen, Handschuhe und Brillen in (Realtree-)Pink. Neben vielen modischen Damen-Shooting-Accessoires, die die Schützendame von Welt gut kleidet, gibt es auch immer mehr geschlechtsspezifische Technik.

Auf dem Damen-Jagdsektor tut sich schon länger etwas. In Deutschland betreiben das Ehepaar Sandra und Dirk Reifenhäuser seit 2011 den ersten europäischen, reinen Jägerinnen-Webshop nur für Damen unter www.waidfrau.de. In ihm findet die Jägerin ein stilvolles Sortiment an Jagdober- und unterbekleidung, Accessoires, Handschuhe, Schals und Stiefel für während, aber auch nach der Jagd am knisternden Kamin.

Sandra Reifenhäuser hat vor zehn Jahren selbst das grüne Abitur bestanden und war von Anfang an genervt, dass es fast nur Klamotten für Männer gab. Verärgert darüber puzzelte sie die damals nur vereinzelt zu findenden Produkte auf dem Markt zu ihrem Sortiment zusammen. Das kam bei der weiblichen Kundschaft so gut an, dass sie heute bereits ihre eigene Kollektion mit hochwertigen, aber auch weiblich geschnittenen Teilen fertigt und anbietet. Das Sortiment von Waidfrau.de wächst jedes Jahr.

Der italienische Westenhersteller Castellani bietet zwar nur ein überschaubares, allerdings sehr italienisch-feminin gestyltes Sortiment an Damenschießwesten an. Der Schießhandschuhhersteller MacWet hat hierzu die passenden Damenhandschuhe in Reinweiß.

Die ersten Versuche, den Frauen Waffen schmackhaft zu machen, unternahmen amerikanische Firmen mit farblich umdesignten Flinten. Die Camo-verrückten Amerikaner kreierten ein neues Muster, genannt „Muddy Girl“. Es ist die pinke Version des Realtree-Tarnmusters. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass in Amerika nicht nur entsprechende Waffen, sondern auch schon Bikinis, Hausschuhe, Hot-Pants, Beautycases, BHs und andere Artikel in diesem Design verkauft werden, die das Damenherz erfreuen.

Bei den Damenwaffen zeichnet sich ebenfalls ein regelrechter Boom ab.

Ein umfangreiches Angebot für Damenbüchsen ist bereits bei den Ausrüstern angekommen. Haenel, Merkel, Savage, Blaser und Sauer bieten bereits die „Kugelwaffen einer Frau“ an. Folgerichtig buhlt jetzt auch der Flintenmarkt um die neue Weiblichkeit.

Die Firma Sauer offeriert seit 2016 ihre neue Flinte „Artemis“ (die griechische Göttin der Jagd) für Damen und schuf auch gleich deren Zwillingsbruder „Apollon“ (der Gott der Mäßigung) für Herren mit. Beide kommen aus der kleinen, italienischen Manufaktur Stefano Fausti, die seit den 50er-Jahren Flinten produziert.

Die Firma SYREN-USA (www.syrenusa.com) ist seit 2017 nun die erste weltweite Firma, deren Angebot ausschließlich auf dieSportschützinnen ausgerichtet ist. Sie deckt sowohl das Kleidungs- wie auch das Flintensegment ab.

Zusammen mit den traditionsreichen Flintenschmieden Fabarm und Ceasar Guerini aus Italien entstanden ganze Female-Modellreihen. Und die können sich sehen lassen. Speziell reduzierte Waffengewichte, Abzugseinheiten mit kürzerer Distanz zum Pistolengriff, die man auch auf kleinere Hände perfekt einstellen kann, oder Pistolengriffe, deren Umfang wie bei Tennisschlägern auf Damenhände ausgerichtet wurde, sind einige der umgesetzten Features, die die Women-Weapons ausmachen. Auch der Pitch ist mit 7 Grad um 2 Grad größer als bei den Männermodellen. Die beiden italienischen Hersteller garantieren dabei höchste Qualität.

Selbst bis in die Verzierungen drückt sich die Bestimmung der Waffen aus. Systemkasten und Holz sind zum Teil mit zarten Blumenarrangements verziert. Da wurde das Thema bis ins Detail zu Ende gedacht.

Die elf verschiedenen Modelle decken eine große Bandbreite ihrer Einsatzzwecke ab. Zu den Bockdoppelflinten für Jagd und Sport fehlt es auch nicht an einer Einlaufflinte mit High-Ribs-Laufschiene für das Trap wie auch einer Selbstladeflinte mit Namen SYREN XLR5. Diese kann man als Edel-Modell „Sporting“ in Silber/Holz oder als „Waterfowler“ in Camo für die Niederwildjagd bestellen. Preislich bewegen sich die Shotguns for Women im durchaus bezahlbaren Preissegment zwischen 2.000 und 4.000 Dollar.

Was für die Damenwelt gar nicht fehlen darf, ist ebenfalls der Bekleidungsshop bei SYREN. Hier gibt es alles, was ein Powershopping-Flintenschützinnen-Herz begehrt: die Patronentasche, die Schießweste oder das Flintenfutteral in SYREN-Violett. Und fürs Après-Shooting dürfen natürlich Basecaps, T-Shirts, Polohemden, Sweater, Hoodies und sogar eine Handtasche im Syren-Design nicht fehlen.

Das Zubehör und die Kleidung von Syren sind zurzeit noch nicht in Europa bestellbar.

Auch interessierte Damen in Deutschland können bereits die italienischen Lady-Flinten bestellen. Es gibt zwar zurzeit in Deutschland noch keinen Generalimporteur von Cesar Guerini, allerdings haben eine Handvoll Büchsenmacher in Deutschland die hochwertigen Flinten des Newcomers bereits in ihr Sortiment aufgenommen.

Die Zahl der Damen im Flintensport wird mit Sicherheit noch weiter zunehmen. Erfreulicherweise entsteht hier eine „Frauenquote“ von ganz alleine, ohne extra ernannte Frauenbeauftragte oder gesetzliche Regelung. Auch die Palette der Angebote nur für die weibliche Zielgruppe wird mit Sicherheit noch weiter boomen. Bleiben wir gespannt!

Text: Rainer Liese
Fotos: Syren, Fabarm und Savage