Schützen fragen, Profis antworten

Frage: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn man lange zielt, oftmals nicht trifft. Das ist doch eigentlich unlogisch, oder? Ist es wirklich so? Gibt es dafür eine Erklärung?

 

Meine Antwort 

Ja, es ist so. Bewusstes Zielen führt in der Regel maximal zum zweitbesten Ergebnis. Viele Schützen sind damit zufrieden und wissen nichts von dem Potenzial, was unentdeckt in ihnen schlummert. Über das Zielen könnte ich ein ganzes Buch schreiben, aber versuchen wir es zu vereinfachen. Zum besseren Verständnis definieren wir zunächst den Begriff „Zielen“: Zielen ist ein bewusster Abgleich der „Bilddaten“, die unsere Augen von der Waffe (Laufschiene/offene Visierung) liefern, mit den „Bilddaten“, die unsere Augen von der Position des Zieles aufnehmen. Der Grund dafür ist die Intention, die Waffe möglichst genau an den gewünschten Treffpunkt zu steuern.

 

Was passiert beim Zielen?

Unser Körper koordiniert anhand der „Bilddaten“ des Führungsauges (Blick über die Schiene) die Bewegung der Rumpfmuskulatur, der Arme, der Hände und vielleicht auch noch der Hals- und Nackenmuskulatur, um eine optimale Anschlagposition zu erreichen und die Läufe zum gewünschten Treffpunkt auszurichten. Die „Datenmengen“, die bei diesem bewussten Zielvorgang anfallen, werden in unserem Gehirn im Bereich der Stirn (Chefzimmer) verarbeitet und genau hier liegt die vielfach unerkannte Ursache des Problems. Wir können nicht schnell genug denken bzw. schaffen wir es nicht, die einströmende Datenmenge zeitnah zur verarbeiten.

Die Folge ist, dass zwischen der Aufnahme der Daten und dem Bekanntgeben des Ergebnisses eine gewisse Zeit vergeht – Zeit, in der sich ein bewegtes Ziel kontinuierlich weiterbewegt.Flintenschützen haben noch ein elementares Problem, über das sich viele Schützen noch nicht bewusst sind: Nehmen wir einmal an, eine Wurfscheibe fliegt in 20 m Entfernung quer an uns vorbei. Wir nehmen weiter an, dass es aus ballistischen Gründen erforderlich ist, bei einem Schwung unserer Flinte mit in etwa gleicher Geschwindigkeit, die auch das Ziel fliegt, in etwa 50 cm vor dem Ziel den Schuss auszulösen, um bei weiter konstanter Schwungeschwindigkeit das Ziel optimal zu treffen. Ihr Lauf zeigt dabei
50 cm vor das Ziel. Richtig? Wie wollen Sie es jetzt fertigbringen, gerade über Ihre Schiene zu gucken und gleichzeitig das Ziel zu sehen? Unmöglich!

 

Wir haben drei Möglichkeiten um dieses Dilemma zu lösen:

  1. Wir fokussieren unsere Augen auf die Ebene der Waffe und sehen das Ziel im besten Falle unscharf im Hintergrund.
  2. Wir fokussieren auf das Ziel und sehen die Waffe nur unscharf in der Peripherie. 
  3. Wir fokussieren abwechselnd vom Ziel zur Waffen hin und her

Leider entscheiden sich viele Schützen für den Kompromiss aus den ersten beiden Varianten, oft ohne es zu bemerken. Auf diesem falschen Weg gibt ihnen der eine oder andere Treffer dabei auch noch das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein! Gut trainiertes, bewusstes Zielen führt aber in der Regel nur bis zu einer Trefferquote von ca. 70 %. Auch wenn 70% für viele ausreichend sein mögen – nicht wer trifft hat Recht, sondern wer häufiger trifft, hat Recht!  

Die Ergebnisse von Schützen mit zu viel Mündungsbewusstsein haben im englischen den Spitznamen „Bead Checker“. Solche Schützen haben zumeist stark schwankende Ergebnisse und sind sehr anfällig für unterschiedliche Tagesformen und wechselnde Schießstandsituationen. So erleben die „Zieler“ oft große Einbrüche ihrer gewohnten Leistung. 

Riesige Leuchtkörner und Clipse mit Hilfspunkten rechts und links der Flinte helfen möglicherweise beim Zielen, aber sicher nicht beim Treffen! Das Korn und die Mündung sind nicht unser Freund! Die Basis für gutes Flintenschießen ist eine ganz andere – echte Auge-Hand-Koordination. Dabei machen die Hände des Schützen im Ideal nur genau  das, was die Augen ihnen „mitteilen“. Damit die Hände wissen wo das Ziel ist, müssen die Augen a uf das Ziel fokussiert werden. Die Wahrnehmung der Waffe in der Pheripherie ist meist unscharf, der Focus geht schräg über die Waffe hinweg zum Ziel – die Antwort B ist somit richtig. Der Vorteil ist, dass diese Art der Steuerung mit erfolgreichen Wiederholungen (Übungen) nicht mehr bewusst über das „Chefzimmer“ erfolgen muss, sondern viel flüssiger und schneller unterbewusst direkt im Stammhirn verarbeitet werden kann. Unsere Gehirnzellen im Hinterkopf/Stammhirn wissen aus positiver Erfahrung (verstärkt durch viele hundert Wiederholungen) bereits die beste Lösung und können diese Datenmenge schneller verarbeiten. Unser (auch das männliche) Stammhirn kann außerdem viele verschiedene Dinge gleichzeitig und es kann diese Dinge sehr viel schneller.

So schießen wir nicht mehr mit weitem Vorhaltemaß und stehendem Lauf auf ein Bild, was zum Zeitpunkt des Schusses bereits 2/10 Sekunden alt ist. Wir schießen im Hier und Jetzt. Alte, falsche Vorhaltebilder werden durch viel kleinere Vorschwungbilder ersetzt und die Treffer werden immer häufiger zu Staubwolken. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen gerne, wie es geht!

In statischen Schießsportarten ist der Informationsfluss so langsam, dass wir durch einen bewussten Zielvorgang ein besseres Ergebnis erzielen können. Flintenschießen ist aber eine dynamische Schießsportart, es bestehen ganz andere Anforderungen.

 

Hendrik Strothmann,
Shooting Company