Keine Zeit

Der Trugschluß
Kaum etwas ist dem Erfolg im Flintenschießen abträglicher als Hektik. Sie entsteht aus dem Gefühl, „keine Zeit“ zu haben. Es beginnen nun wieder die Vorbereitungskurse der Jägerschaften, und so mancher angehende Flintenschütze sieht sich der geheimisvollen Welt des Tontaubenschießens ausgesetzt. Auch unter gestandenen Flintenschützen hat sich hier und dort der Eindruck festgesetzt, dass man beim Flintenschießen „keine Zeit“ habe und deswegen alles ganz schnell gehen müsse. Ein solches Verhalten entwickelt sich nicht selten dann, wenn man als Beginner in „das kalte Wasser“ Trap-Schießen gestoßen wird. Durch das Wegfliegen der Scheibe vom Schützen, durch die sich schnell vergrößernde Distanz wird ein Druck aufgebaut, dass man sich beeilen müsse. „Sonst ist sie weg …“

Relativieren
Ein Blick über den Tellerrand tut immer gut. Ein Springreiter legt eine Strecke von 350 m, ein Vielseitigkeitsreiter auf der Geländestrecke sogar mehr als 600 m in einer Minute zurück. In der werden nicht nur die geforderten Meter absolviert, sondern auch eine stattliche Zahl von Hindernissen überwunden. Ein Sprinter läuft in 10 s eine Strecke von 100 m. Manches Fußballspiel, das verloren schien, wurde in den letzten zwei oder drei Spielminuten, manchmal sogar in einer einzigen, umgedreht. Aus Verlierern werden manchmal Sieger – mit einem Wimpernschlag.

Nun sollen ausgerechnet wir Flintenschützen von einer Aufgabenstellung konfrontiert sein, die nur durch hektische Bewegungen lösbar sein soll? „Keep Cool“!

Die Geschwindigkeit der Wurfscheibe
Eine Wurfscheibe erreicht bei ihrem Abwurf eine Geschwindigkeit von etwa 70 km/h. Wenn sie die halten würde, legt sie eine Strecke von 40 m in 2 s zurück (3.600 s / 70.000 m * 40 m = 2,1 s). Da im Verlaufe des Fluges die Scheibe durch Erdanziehung und Luftwiderstand langsamer wird, mögen es 3 s sein. Hoch- und Niederhaus eines Skeetstandes haben einen Abstand von etwa 40 m.

Ein Flintenschütze hat in den 2 bis 3 s nichts anderes zu tun, als eine einzige Wurfscheibe zu bearbeiten, im Falle einer Doublette zwei. Der Sprinter ist in 3 s mehr als 30 m gelaufen!

Der Glaube, keine Zeit zu haben, resultiert aus dem Nichtwissen, was genau in diesen 3 s zu machen ist, und nicht aus der Vorgabe einer (zu) knappen Zeit.

Was ist den Beispielen der Reiter, Läufer und Fußballer gemeinsam? Alle Akteure haben einen Plan, und zwar einen sehr detaillierten. Sie wissen, was sie wie und in welcher Zeit tun wollen und können.

Wer weiß, welcher Ablauf an Bewegun-
gen zu leisten ist und diesen methodisch wiederholen kann, bekommt ein anderes Zeitempfinden.

Falsche Antwort
Nicht genau zu wissen, was zu tun ist, gleichzeitig zu glauben, dass man „keine Zeit“ habe, das wiederum gepaart mit dem unbändigen Wunsch zu treffen, erzeugt genau diejenigen unkontrollierten Bewegungen der Seelenachse, die in keinem ausreichenden Zusammenhang mit der Flugkurve der Wurfscheibe stehen. Und genau das erschwert ein reproduzierbares Treffen der Scheibe erheblich.

Außerdem werden hektische Bewegungen meist durch Bewegungen der Arme do­miniert. Anschlag, Anschlag, Anschlag! Das sind dann die beherrschenden Gedanken. Auf ein methodisches Steuern der Bewegungen des Oberkörpers und das Koordinieren der Armbewegungen kann man sich unter diesen Umständen nicht einlassen.

Auch ein wenig geübter Flintenschütze ist in der Lage, während eines 40-m-Fluges der Wurfscheibe seine Flinte wenigstens zweimal in Anschlag zu bringen. Also während die Taube die Strecke zwischen Hoch- und Niederhaus zurücklegt, sind mindestens zwei Anschläge möglich, mit ein bißchen Übung auch drei oder vier. Auch auf eine Trap-Taube kann man wenigstens zweimal anschlagen, bevor sie „weg ist“. Der Anschlag sollte deswegen kaum das eigentliche Thema sein.

Aus „keine Zeit“ viel Zeit werden lassen
„Keine Zeit“ zu haben ist ein Trugschluß, eine Täuschung in der Wahrnehmung, die durch eine ungenügende Auseinandersetzung mit der gestellten Aufgabe entsteht.

Wer einen Ablaufplan, also eine Methode hat, und die reproduzierbar ausführen kann, wer lernt sensomotorisch und methodisch zu schießen, für den tritt die angebliche Schnelligkeit einer Wurfscheibe mit jedem weiteren Training mehr in den Hintergrund.

Man kann aber noch mehr tun. Wertvolle Zeit zu nutzen statt sie zu vergeuden, wird durch eine Anpassung des Flintenschaftes wirkungsvoll unterstützt. Der sich mit
jeder Taube wiederholende Kampf des Schützen mit einem nicht passenden Schaft ist nicht nur ein Lustkiller, sondern er trägt zum nutzlosen Auffressen der verfügbaren Zeit bei.

Sogar das Sehen spielt eine nicht
unwesentliche Rolle, wenn es darum geht, die Zeit sinnvoll einzusetzen.
Wer sich der Möglichkeit eines beid­äugigen, dreidimensionalen Sehens beraubt, schafft einen weiteren Erschwernisfaktor.

Wer sich auf alle Elemente des Flintenschießens gründlich einläßt und kein einziges in der Bearbeitung ausläßt, erkennt sehr bald, dass man manchmal viel Zeit und fast immer genug Zeit hat, um mit gesteuerten und angemessenen Bewegungen die Wurfscheiben entspannt zu treffen.

Wer weiß, dass er genug Zeit hat selbst für schwierigste Tauben und zuviel Zeit für leichte, steigert nicht nur seine persönliche Erfolgsquote, sondern auch seine Freude am Flintenschießen.

Text und Fotos: Detlef Riechert