Keep in lane and keep going

Das Stufenmodell

Viele Wege führen nach Rom, sagt der Volksmund. Man kann lange Wege beschreiten oder kurze, Umwege machen oder direkt auf sein Ziel zugehen. Es gibt ebenso viele Wege, sich als Flintenschütze zu entwickeln. Ein weiser Mann sagte, wenn man eine Stunde Zeit habe, um einen Baum zu fällen, solle man fünfzig Minuten darauf verwenden, seine Axt zu schärfen. Einen guten Plan zu haben, vermeidet Irrwege. Er spart Zeit und Kosten.

Es macht auf Dauer niemanden froh, seine Schießleistungen dem Zufall zu überlassen. Auf dem Weg zu einem stabilen Erfolg gibt es zu einer systematischen Behandlung des Themas keine Alternative. Sicher gibt es mehr als eine Möglichkeit, die Kunst des Flintenschießens zu erklären, wie es auch verschiedene Wege gibt, ein guter Schütze zu werden. Ich frage mich immer wieder aufs Neue, welche Lehre, welche Anleitung, welche Vorgehensweise bringt möglichst viele Menschen, Jäger wie Sportschützen, schnellstmöglich und mit dem geringstmöglichen Aufwand auf einen guten Weg und dorthin, wo Flintenschießen zur Freude wird? Nicht jeder will ein Weltmeister werden und muss es auch nicht. Aber ein zuverlässiger und guter >

Schütze möchte jeder gerne sein oder werden, der das Flintenschießen in sein Leben aufgenommen hat.

Im Laufe der Jahre haben sich die hier dargestellte Betrachtung und das damit verbundene Herangehen an das Flintenschießen in meinen Seminaren tausendfach bewährt. Die Erklärungen und Erläuterungen sind von jedermann mit dem gesunden Menschenverstand nachzuvollziehen. Was man mit seinem Verstand nachvollziehen kann, lässt sich auch in Bewegungen und Handlungen umsetzen. Wenn man etwas tun will, muss man es zuvor denken können. Wenn man etwas tut ohne zu denken, überlässt man das Ergebnis dem Zufall.

Oft habe ich gehört, man dürfe beim Flintenschießen nicht denken. Meiner Ansicht  nach ist das grundfalsch oder mindestens sehr ungünstig und missverständlich ausgedrückt. Ich meine und empfehle, zuerst die erforderlichen Bewegungsabläufe gründlich zu durchdenken, danach zu automatisieren und schlussendlich sensomotorisch steuern zu lassen.

Genau an dieser Stelle aller Betrachtungen und Erklärungen mag es hilfreich sein, die Eckpunkte und Meilensteine zusammenzufassen. Was geschieht wann und warum? Wie sind die einzelnen Elemente miteinander verbunden? Wo ist der „rote Faden“? Aus einem „roten“ Faden sollte ein „goldener“ werden. Mit seiner Hilfe findet man den guten Weg, der über eine Treppe nach oben führt. Stufe für Stufe geht es mit System dem Ziel entgegen.

Stufe 1:

Es beginnt damit, das Prinzip vom „Sehen und Zeigen“ zu verstehen. Dem Schützen stehen nur seine Augen und seine Fähigkeit zur Verfügung, mit seiner Flinte auf eine gewünschte Stelle zu zeigen. Auf die Bewegung der Seelenachse kommt es an. Daraus ergeben sich andere Bewegungen, als es bei einem Zielvorgang der Fall wäre.

Stufe 2:

Als nächstes ist eine „Verbindung“ mit dem Ziel herzustellen. Wie sie in den Details (Methoden) aussieht, ist in diesem Stadium noch nicht wichtig. „Verbindung“ heißt, alle Bewegungen des Schützen (Oberkörper und Arme) geschehen im Kontakt mit dem Ziel. Der „Zeigestock“ Flinte wird vorne durch das Ziel wie durch einen Magneten angezogen, von Anfang an und in allen Phasen der Bewegungen.

Stufe 3:

Die Methodenlehre  ist die Konkretisierung der „Verbindung“ von Schütze und Ziel. Wo befindet sich in welcher Phase die Seelenachse in Relation zum Ziel? Bei jeder Methode läuft die Seelenachse der Flinte in der Flugkurve des Ziels, von einem möglichst frühen Anfang an. Die Unterschiede der Methoden liegen in den unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Seelenachse. „CPSA-Methode“: Die Seelenachse ist zuerst gleich schnell wie das Ziel, dann wird sie schneller. „Swing-­Through“: Die Seelenachse ist immer schneller als das Ziel. „Maintained-Lead“: Im Idealfall ist die Seelenachse immer gleich schnell wie das Ziel.

Stufe 4:

Das Wesen des Anschlages sollte als etwas völlig anderes verstanden werden, als es oft angesehen wird. Man sollte nämlich nicht anschlagen, um zu zielen. Das Anschlagen der Flinte wäre ja gar nicht nötig, wenn der Schütze auch „aus der Hüfte heraus“ in der Lage wäre, mit der Seelenachse seiner Flinte auf eine gewünschte Stelle zu zeigen (manche können es!). So zu schießen ist nur deshalb schwierig, weil die Blickrichtung des Anschlagsauges und die Seelenachse einen großen Winkel bilden mit der Folge, dass beide Strahlen sich nur in einer ganz bestimmten Entfernung schneiden, und zwar nur einmal. Was man mit dem Anschlagen bewirken sollte, ist, den beschriebenen Winkel zu verkleinern! Könnte der Schütze im Schuss durch die Läufe sehen, wäre der Winkel „Null“. Die Blickrichtung des Anschlagsauges und die Richtung der See­len­achse kämen zur Deckung. Beide Strahlen wären identisch, das Ziel wird in jeder beliebigen Entfernung getroffen – wo  der Schütze hinsieht, sieht auch die Flinte hin. Der Schütze sieht mit den Augen der Flinte. Diese Ideallösung ist in der Praxis nicht möglich, weil die Flinte zum Schießen geschlossen werden muss. Aber man kann der Ideallösung sehr nahekommen durch einen korrekten Anschlag und einen angepassten Schaft. Statt durch die Flinte sieht man dann knapp darüber. Im Ergebnis besteht nur die Differenz eines kleinen, aber nicht störenden Hochschusses. Der Schütze sollte in jedem Augenblick seiner Bewegungen das Bestreben haben, durch seine Flinte sehen zu wollen, auch dann, wenn die Anschlagsbewegung noch lange nicht beendet ist. Dieses Verständnis ist extrem wichtig, weil die Anschlagsbewegung dadurch entscheidend  verändert  wird.  Auf  dieser Stufe realisiert der Schütze, dass ein Zielen beim Flintenschießen den gewünschten Erfolg gar nicht bringen kann und was der Unterschied zum „Sehen durch die Flinte“ ist. Beim Zielen wird notwendigerweise der Blick auf die Flinte gerichtet. Eine korrekte Steuerung der Bewegungen durch das Ziel ist nicht möglich. Ein Schütze, der zielen will, führt die Anschlagsbewegung ohne ausreichenden Kontakt mit dem Ziel schnellstmöglich aus, um möglichst lange zielen zu können. Hat er das gewünschte Zielbild gefunden, wird er in seinen Bewegungen langsamer oder bleibt sogar völlig stehen. Wenn die Schrote an der Taube ankommen, gibt es das vom Schützen gesehene Zielbild gar nicht mehr. Das gewünschte Zielbild entsteht aus einer vorher festgelegten Vorstellung („ein Kasten Bier“), die möglicherweise falsch ist. Das alles führt natürlich in die Irre. Erst aus der richtigen Vorstellung, was mit dem Anschlagen der Flinte bewirkt werden soll, nämlich den Winkel zwischen der Blickrichtung des Anschlagsauges und der Seelenachse der Flinte zu verkleinern, entsteht eine geschmeidige, elegante und harmonische Anschlagstechnik.

Stufe 5:

Das Anschlagen der Flinte ist nun mit der methodischen Bewegung des Oberkörpers zu koordinieren. Die Anschlagsbewegung hat sich hierbei der Körperdrehung unterzuordnen, weil nur dann die Seelenachse exakt in der Flugkurve des Ziels bewegt werden kann. Sobald die Anschlagsbewegung die Oberhand gewinnt, verlässt die Seelenachse die Flugbahn. Denn: Wenn bei einem quer fliegenden Ziel mehr „gehoben“ als „gedreht“ wird, bewegt sich die Seelenachse nach oben statt zur Seite.

Bis jetzt ging es darum, was mit der Flinte und was vor ihr geschieht. Als nächstes geht es um das Verständnis, was hinter der Flinte passiert.

Stufe 6:

Damit der Schütze das Geschehen vor ihm richtig beurteilen kann, muss er „hinter“ seiner Flinte stehen und nicht „neben“ ihr. Es ist nur in einer ganz bestimmten „Stellung“ möglich, durch seine Flinte zu sehen. Die muss im Augenblick des Schusses eingenommen worden sein, auch dann, wenn sich das Ziel vorher quer zum Schützen bewegt. Der mentale Fokus auf das „Sehen durch die Flinte“ verändert nicht nur das Wesen der Anschlagsbewegung, sondern unmittelbar auch die Stellung und Körperhaltung. Alles fängt im Kopf an. Die richtigen Gedanken lassen die optimalen Aktionen folgen.

Stufe 7:

Dann ist die Flinte einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen. Es gibt etwas sehr Wesentliches, was die Flinte von einem Zeigestock unterscheidet, als den wir sie gebrauchen sollten. Der Zeigestock ist vom Anfang bis zum Ende „gerade“, die Flinte nicht. Sie kann es nicht sein, wenn der Hinterschaft in der Schulter und unter dem Jochbein angelegt wird, gleichzeitig sollen aber die Läufe „gerade“ vor dem Anschlagsauge des Schützen in dessen Blickrichtung positioniert werden. Für jeden Schützen existieren die idealen, individuellen Schaftmaße, die es ihm ermöglichen, seine Flintenläufe im Anschlag „gerade“ wie einen Zeigestock vor sein Anschlagsauge zu bringen, während der Hinterschaft perfekt an den gewünschten Stellen seines Körpers „angeschlagen“ ist. Davon abgesehen existiert, in Verbindung mit der körperlichen Beschaffenheit des Schützen, eine flintentypische „Zeigfähigkeit“. Infolgedessen bedeutet die Individualisierung des Werkzeuges Flinte und damit ihre Optimierung nicht nur die Anpassung des Schaftes an den Schützen, sondern im Vorfeld schon die Auswahl des Flintenmodells mit der höchsten „Zeigfähigkeit“.

Treffer oder Fehler, wer in diesen Kategorien denkt, verfällt einer Schwarz-Weiß-Sicht, die der Entwicklung des eigenen Könnens entgegensteht. Wer zielt, für den gibt es nur das eine oder andere. Hat er „richtig“ gezielt, trifft er – hat er„falsch“ gezielt, schießt er vorbei. So funktioniert das Flintenschießen aber nicht. Hier gilt es, die Grautöne zu erkennen, zu deuten und aus ihnen die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Man kann 80 % gut machen und trifft trotzdem nicht. Wenn man erkennt, was bereits gut (genug) ist und wo die fehlenden 20 % stecken, kann man an den Baustellen arbeiten, bis man 90 % erreicht und sich irgendwann den 100 % annähert. Wohlgemerkt, hier ist nicht die Rede von Trefferprozenten, sondern davon, wie weit ein Schütze sich in dem Stufenmodell bisher entwickelt hat. Dabei geht es zum einen um seine Entwicklung insgesamt. Aber auch beim Beschießen jeder einzelnen Wurfscheibe ist danach zu hinterfragen, was war gut und was war schlecht, was kann ich beim nächsten Mal verbessern?

Um das System fortzuschreiben, müssen nun als nächstes die Stellung und Körperhaltung des Schützen konkretisiert werden, und es ist auf das Werkzeug „Flinte“ einzugehen. Aus gutem Grunde steht sie am Ende der Betrachtung. Denn die Flinte hat sich in das System derart einzufügen, dass alles das leicht möglich ist, was wir mit ihr machen wollen.

Text und Fotos: Detlef Richert