Kämpferinnen

Besondere Geschichten
So bemerkenswert wie erfreulich ist der hohe und weiter wachsende Anteil von Damen in den Jagdkursen und auf den Schießständen. In unseren ersten beiden besonderen Geschichten über Kämpferinnen „war das Kind schon den Brunnen gefallen“, als eine strategische Lösung in Angriff genommen wurde. Das ist schade. Es wäre aber nur dann vermeidbar gewesen, wenn die Betroffenen ihre Möglichkeiten schon im Vorfeld gekannt hätten. Das wiederum ist naturgemäß selten der Fall – betritt der Beginner im Flintenschießen doch eine bis dahin unbekannte Welt. In der heutigen Geschichte geht es um Viona (Name von der Redaktion geändert), die sich aufgrund glücklicher Umstände von Anfang an auf den geraden, guten und kurzen Weg begeben hat.

Die Ausgangsbasis
Viona wandte sich an mich etwa ein halbes Jahr vor dem Beginn ihrer Ausbildung zur Jägerin in einer Jagdschule. Mit einer Flinte hatte sie bisher noch nicht geschossen. Genau genommen hatte sie noch mit gar nichts geschossen. Keiner Büchse, keiner Kurzwaffe, keinem Luftgewehr. Ihre Voraussetzungen waren insofern ideal. Ein weißes Blatt kann man gut beschreiben. Darauf steht noch nichts geschrieben, was eine Lösung erschweren könnte.

Ihre körperlichen Voraussetzungen waren denkbar ungünstig. Viona ist eine junge Frau mit einem wirklich zarten Körperbau, der nicht dafür prädestiniert zu sein schien, eine Flinte zu bewegen. Man(n) könnte denken: „Muss das denn nun unbedingt das Flintenschießen sein… !?“

Aber das ist das Schöne, und es soll allen Mut machen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: Jeder kann das Flintenschießen erlernen. So hieß es schon immer auf der Webseite der Clay Pigeon Shooting Association, ob man 9 oder 90 Jahre alt sei: „Bei uns sind Sie immer richtig!“

Allerdings, so füge ich hinzu, führt der Weg in den Fällen unserer Kämpferinnen über die Flinte. Ohne ein perfekt auf die Schützin abgestimmtes Werkzeug kann es nicht funktionieren.

Bewundernswerte Passion
Wie die anderen Kämpferinnen wird auch Viona durch eine bemerkenswerte Passion angetrieben. Sie möchte eine Jägerin und Flintenschützin werden. Nicht irgendeine, sondern eine gute.

Jeder Teilnehmer an einem Jagdkurs wird sich darüber im Klaren sein, dass er mit einem Trefferergebnis von 3 von 10 oder 5 von 15 Wurfscheiben zwar die Prüfung besteht, aber nicht von sich annehmen kann, deswegen waidgerecht mit einer Flinte jagen zu können. Nun muss Letzteres nach der Erlangung des Jagdscheines auch nicht jeder beabsichtigen. Zu sagen, ich will die Prüfung bestehen und danach nie wieder eine Flinte anfassen, ist eine Haltung, die akzeptiert werden muss. Aber es ist jammerschade um jeden Flintenschützen, den wir verlieren. Andererseits besteht die Alternative, sich (erst) nach bestandener Prüfung gründlich mit dem Flintenschießen zu befassen.

Vorher ist allerdings besser als nachher. Deshalb freue mich, wenn sich jemand so früh und so fundiert um das Flintenschießen bemüht wie Viona. Sie ist nicht nur passioniert, sondern auch weitsichtig. Sie wollte das Thema Flintenschießen nicht erst in einem mit allem möglichen Stoff prall gefüllten, dreiwöchigen Jagdkurs anpacken – ahnend, dass die Schießprüfung zur Klippe werden könnte. Viona wollte vorbereitet sein. Ein kluger Mann hat einmal gesagt, die beste Zeit für die Lösung eines Problems sei die vor seiner Entstehung. Genau das hatte sich Viona vorgenommen. Sie wollte ein Problem gar nicht erst entstehen lassen.

Erste Schritte
Wir begannen mit einem Einzeltraining. Darin ging es zuerst einmal darum, Viona behutsam an eine Waffe, den Schußknall und den Rückstoß heranzuführen. So ungewohnt das für sie auch war, Viona machte schnelle Fortschritte, und so konnten wir uns zügig den Grundzügen der Schießtechnik zuwenden.

Als nächster Schritt stand ein Probeschießen verschieder Modelle auf dem Programm mit der Absicht, eine eigene Flinte für Lena auszusuchen. Für diesen Abschnitt des Prozesses nahmen wir uns ordentlich Zeit und setzten neue Termine an, um jeweils mit frischen Kräften das Thema bearbeiten zu können.

In dieser Phase ist ein begleitendes Krafttraining sinnvoll. Zwei Hanteln kosten nicht die Welt. Es ist möglich, sie fast immer für ein paar kurze Übungen zur Hand zu haben. Oft ein bißchen ist besser als selten viel. Glücklicherweise werden auch durch das Wurfscheibenschießen Kraft und Ausdauer trainiert.

Weiter auf dem Weg
Für Viona trifft zu, was für viele Damen gilt. Die Lage ihres Jochbeinknochens unterscheidet sich von der eines durchschnittlichen männlichen Schützen in der Höhe so erheblich, dass ein Standard-Flintenmodell hinsichtlich der Senkung gar nicht weit genug gebogen werden kann, um es für sie passend zu machen. Dieser Umstand schränkte die Auswahl der Flinten erheblich ein.

Insgesamt arbeiteten wir folgende Vorgaben für Viona heraus:

Wegen der Senkungsthematik kam nur eine Flinte mit Monte-Carlo-Schaft oder einem verstellbaren Schaftrücken in Betracht.

Wegen Vionas Statur und ihrer Kräfteverhältnisse mussten wir mit dem Waffen­gewicht so weit wie nur eben möglich heruntergehen. Eine Flinte
im Kal. 12 konnte das nicht bringen.
Es lief auf eine 20er hinaus, eventuell sogar eine 28er. Letztere sollte aber wegen der sehr hohen Munitionskosten nach Möglich­keit vermieden werden. Viona entwickelte mit der Zeit eine wirkliche Freude und Leidenschaft
am Flintenschießen. Deshalb war zu erwarten, dass sie entsprechend häufig ihrer Passion auf Schießständen nachgehen würde.

Als dritte Maßnahme einigten wir uns darauf, dass eine Lauflänge von 71 cm wegen der Hebelwirkung zu lang wäre. 5 Zentimeter weniger dürften es durchaus sein.

Die Flinte
Unser Anforderungsprofil war konkret, weswegen wir uns zügig in Richtung einer Entscheidung bewegen konnten.

Wie bereits herausgestellt, ist für die Mehrzahl der Damen ein erfolgreiches Flintenschießen, mit Spaß und Freude, nur mit einer entsprechenden Flinte möglich. Wer glaubt, diesen Aspekt umschiffen oder außer Acht lassen zu können, tut sich selbst keinen Gefallen. Definitiv endet es in Frust und nebenbei auch noch in hohen Kosten. Ohne die richtige Flinte geht es in diesen Fällen nicht!

Aber auch für jeden von uns gilt: Sein eigenes Potenzial kann man nur ausschöpfen mit der individuell richtigen Flinte, wobei es sowohl um die Pointability als auch die Schaftanpassung geht. Wer diesen Aspekt negiert, begrenzt von vornherein seine Möglichkeiten, soviel und so oft er auch trainieren mag.

Für Viona ließen wir schließlich und endlich eine Beretta Jagd Vittoria im Kal. 20/76 mit 66 cm langen Läufen kommen, probierten sie aus und wußten schnell, dass wir Vionas Lösung gefunden hatten. Die Flinte erfüllte alle von uns postulierten Kriterien, und sie sieht außerdem von der Optik und dem Design her gesehen wirklich gut aus. Was wollten wir mehr? Bald war ihr Schaft durch Werner Kappenhagen aus dem Hause Klett an Viona angepasst, sodass wir in das finale Trap-Vorbereitungstraining für den Jagdkurs einsteigen konnten.

Auf einmal geht alles ganz leicht

Ich finde es immer wieder erhebend, jemanden beim ersten Zusammentreffen mit „seiner Flinte“ zu beobachten. Viona mußte gar nichts sagen. Es stand ihr ins Gesicht geschrieben. Warum geht alles auf einmal so leicht, was vorher so mühsam war, mag sie gedacht haben. Mit „leicht“ ist nicht das Gewicht der Flinte gemeint. Die Bewegungen werden müheloser, aus vielen Gründen. Die Überschrift des Ereignisses hieß: Viona meets „pointability and gun fitting“.

Wer jemals einen Jagdkurs in einer Jagdschule mitgemacht hat, weiß, welche Energieleistung aufgebracht werden muss, um die 2 oder 3 Wochen überhaupt durchzustehen. Viona konnte sich jetzt auf all die anderen Themen konzentrieren, denn den Schießteil passierte sie geschmeidig und ohne Stress. Ihre Schießprüfung trat sie mit der Gewißheit an, bestmöglich vorbereitet zu sein und bestand sie mit Bravour.

Einmal mehr hebe ich hervor, dass die Flintenwahl nicht auf andere Schützinnen übertragen werden kann. Die Pointability ist stets im Zusammenwirken mit dem Individuum Mensch zu beurteilen.

Fazit
Vionas Geschichte zeigt, dass mit einer guten Vorbereitung die Flintenschießprüfung auch von solchen Schützinnen mit weit überdurchschnittlichen Resultaten bestanden werden kann, denen man das körperlich nicht unbedingt zutrauen würde.

Gute Vorbereitung heißt nicht, möglichst viel zu schießen. Selbst mich erstaunt es immer wieder, mit wie (vergleichsweise) wenig Aufwand, sowohl zeitlich als auch finanziell, außerordentliche Ergebnisse erreicht werden können. Den richtigen Weg von Anfang einzuschlagen, das ist auch die kostengünstigste Lösung. Die beste sowieso. Der richtige Weg, was heißt das? Nicht „learning by doing“, sondern die Kombination aus dem Erlernen einer professionellen Schießtechnik und der Individualisierung der Flinte macht es.

Ein Wort zum Waffenrecht. Im Allgemeinfall kommen Teilnehmer an jagdlichen Vorbereitungskursen aus rechtlichen Gründen nicht in den Vorteil und den Genuß einer eigenen Flinte. Manche haben jedoch einen Lebenspartner, der die Flinte erwerben darf, sie in Verwahrung nimmt und zu den Übungsschießen und zur Prüfung transportiert. Andere stoßen auf einen verständnisvollen und einsichtigen Sachbearbeiter in der Waffenbehörde, der eine vorläufige Erlaubnis ausstellt. Wer sich darüber bewußt ist, welche entscheidende Rolle die Flinte besonders für eine Frau spielt, wird ihr gerne den Weg ebnen, statt ihr Steine in den Weg zu legen.

Wir alle wollen Menschen in ihrem Bemühen fördern und unterstützen, ein waidgerechter Jäger und guter Flintenschütze zu werden. Die Geschichten unserer Kämpferinnen mögen anderen Mut machen und ihnen ein Beispiel geben.

Text und Fotos: Detlef Riechert