Kämpferinnen

Besondere Geschichten

So bemerkenswert wie erfreulich ist der hohe und weiterwachsende Anteil von Damen in den Jagdkursen und auf den Schießständen. Im Teil 1 der besonderen Geschichten über Kämpferinnen ging es um Susana, die ihren Weg zu einem erfolgreichen Flintenschießen gefunden hat. Anders als Susana hat Lena (Name von der Redaktion geändert) ihre Jagdprüfung schon vor mehreren Jahren bestanden. Sie liebt das Flintenschießen auf dem Schießstand und auf der Jagd, obwohl jedem Gebrauch ihrer Flinte schmerzhafte Hämatome großen Ausmaßes an der Wange folgen. Sie hatte schon vieles vergeblich versucht, als wir uns das erste Mal trafen, und trotzdem nicht aufgegeben.

Die Aufgabenstellung
In solchen und ähnlich gelagerten Fällen ist bereits im Vorfeld klar, dass eine Verbesserung der Schießtechnik allein nicht die gewünschte Lösung bringen kann. Lena ist eine zarte, feingliedrige junge Frau. Eine besondere Empfindlichkeit am Kopf und im Gesicht kommen offensichtlich hinzu. Ein kontrolliertes Bewegen der Flinte ist für eine solchermaßen gebaute Schützin nur dann machbar, wenn das Werkzeug ihr es ermöglicht. Die geeignete Flinte ist fast immer eine der Voraussetzungen, um Ungemach wie Blutergüsse und Schmerzen zu verhindern, aber in Lenas Fall die conditio sine qua non.

Bewundernswerte Passion
Lena hat sich über Jahre hinweg mit dem Flintenschießen gequält. Ihr Durchhaltevermögen und ihr Engagement sind bemerkenswert. Wie viele andere Flintenschützinnen mögen in einer ähnlichen Situation gewesen sein und frustriert aufgegeben haben? Lena hatte mir ihr Problem im Vorfeld telefonisch gechildert. Wie schlimm es wirklich war, sah ich erst im Probeschießen mit Lena.

Erste Schritte
Es gibt immer eine Lösung. Man muss sie nur finden. Auch wenn es lange dauert. Also machten wir uns auf den Weg. Der obligatorische Beginn war auch hier natürlich das Probeschießen verschiedener Flintenmodelle. Mit jeder Waffe, die auf den Prüfstand kam, war die Frage verbunden: Welche verursacht am wenigsten Schmerzen? Oder gibt es vielleicht eine, die ohne angepasst zu sein, überhaupt keine Beschwerden verursacht? Mir war von Anfang an klar, dass das Problem am leichtesten mit einer Selbstladeflinte zu lösen sein würde. Aber wir alle kennen die Abneigung, die diesem Flintentypus auf Schießständen und Jagden vielfach entgegengebracht wird. Lena wusste das auch. Ich musste es ihr nicht erklären. Also versuchten wir es zunächst mit einer ordentlichen Bandbreite von Bockdoppelflinten.

So sehr wir uns mühten, es wurde schnell klar: Wir hätten jede auf dem Markt verfügbare Bockdoppelflinte kommen lassen und schießen können, ohne auch nur den Hauch einer Chance zu sehen, die gewünschte Lösung zu finden. Lenas Wohnort und meinen trennen 400 km. Wir vereinbarten, eine Zeit ins Land gehen zu lassen, und uns danach noch mal zu treffen. Ich entließ Lena mit der Hausaufgabe zu überlegen und zu prüfen, ob sie in ihrem jagdlichen Umfeld und auf ihren Schießständen mit einer halbautomatischen Flinte akzeptiert würde beziehungsweise ob sie sich stark und selbstsicher genug fühle, eventuelle Aversionen auszuhalten.

Bis wir uns das nächste Mal treffen würden, hatten auch ich meine Hausaufgaben zu erledigen. Denn im Probeschießen zeigte sich, dass die gestellte Aufgabe nicht ohne Weiteres zu lösen wäre auf dem Weg: Wir nehmen jetzt irgendeinen Selbstlader und alles wird gut. Nein, so einfach war das nicht. Ja, es war wirklich so schlimm.

Die Suche nach einer Lösung
Das Angebot halbautomatischer Flinten ist unglaublich groß. Selbst ein einziger Hersteller, Benelli, kommt auf eine so große Zahl, dass nicht alle Modelle im Katalog des deutschen Importeurs Manfred-Alberts-GmbH dargestellt werden können. Der dortige Produktmanager leistete nicht nur wertvolle Hilfestellung und Beratung, um eine Flinte für Lena auszusuchen, von der wir annehmen durften, dass sie unser Problem lösen konnte. Sondern er ließ auch noch eine Flinte zusammenbauen aus der Comfort mit einem Kurzschaft der Crio Comforttech und einer speziellen Gel-Schaftkappe. Der Comfortech-Schaft senkt nach Herstellerangaben den empfundenen Rückstoß um ca. 40 %. Die Gelkappe sollte ihr Übriges leisten. Ein kurzer Lauf sollte den Kräfteverhältnissen der Schützin entgegenkommen und ihr eine kontrollierte Bewegung der Seelenachse ermöglichen. Zwischenzeitlich hatte Lena signalisiert, dass sie dem Gedanken der Anschaffung einer Selbstladeflinte näher gekommen sei. Es müsse aber das Kaliber 12 sein, hatte sie gesagt. Gut, es gibt Gründe dafür. Die Munition für kleinere Kaliber ist teurer und schwerer zu beschaffen. Wenn zum Haushalt noch weitere Jäger gehören und sich alle auf ein Kaliber einigen, ist manches einfacher zu handhaben.

Bald stand die erneute Anreise von Lena und ihrer Familie bevor. Ich wollte alles im Vorfeld so organisieren, dass die Gefahr erneuter Hämatome auf ein Minimum reduziert werden sollte. Dazu gehörte die wenigstens grobe Anpassung des Schaftes an Lena. Da aber nicht sicher war, ob Lenas Problem mit dieser Flinte gelöst werden konnte, sollte der Schaft nicht unumkehrbar verändert werden. Zu unserem Glück können Senkung und Schränkung des Benelli-Schaftes durch Distanzstücke und Zwischenscheiben innerhalb eines gewissen Bereiches variabel verändert werden. Die Schaftlänge war ja ohnehin bereits nach Lenas Erfordernissen bestellt worden. Lenas Flintenmaße waren von Waffen Klett schon bei ihrem ersten Besuch ermittelt worden.

Neuer Versuch
Als Lena und ihre Familie zum zweiten Mal in das Münsterland anreiste waren wir durch eine echte und engagierte Teamleistung von Benelli-Produktmanager Volker Sonntag, Schäftungsexperte Werner Kappenhagen aus dem Hause Klett und mir gründlich vorbereitet. Der Abend begann im Schießkino von Waffen Klett. Für Werner Kappenhagen schloss sich eine Nachtschicht an, sodass Lena und ich am kommenden Morgen in Coesfeld-Flamschen den Belastungstest in Angriff nehmen konnten. Das waren bange Momente. Für den Fall des Fehlschlagens hätten kaum noch Varianten zur Verfügung gestanden. Es ging alles gut während des erneuten Probeschießens, aber sicher konnten wir uns erst am nächsten Tag sein. Denn die Schwellungen in Lenas Gesicht entwickelten sich bisher überwiegend am nächsten Tag.

Als Lena am Ende des folgenden Tages Entwarnung gab, bildete ich mir ein, dass man mein Ausatmen durch das gesamte Stevertal hören konnte. Wir hatten die Aufgabe gelöst.

Fazit
Never give up. Es gibt immer eine Lösung. Wenn die jetzige es nicht gewesen wäre, hätte ich entgegen den Vorgaben ein kleineres Kaliber vorgeschlagen. Die Benelli Raffaelo-Selbstladeflinte gibt es auch in Kaliber 28. Lenas Geschichte möge all denjenigen Mut machen, die sich mit einer ähnlichen Situation konfrontiert sehen. Nicht aufgeben ist die eine Sache. Die andere ist die Gewissheit, dass der Weg zur Lösung zuallererst und vor allem anderen über die Flinte führt. Ohne ein angemessenes Werkzeug geht es nie wirklich und selten richtig, in Lenas Fall ging es gar nicht. Die Harmonie der Flinte mit ihrer Besitzerin entstand hier aus dem Zusammenwirken der Entscheidung für den Konstruktionstyp Selbstlader, der Auswahl des speziellen Modells – bzw. dem Zusammenbau aus verschiedenen Modellen –und schließlich und endlich der Anpassung des Schaftes. Nach vielen Jahren ist es Lena gelungen, endlich ihre Passion für das Flintenschießen leben zu können ohne leiden zu müssen.

Text: Detlef Riechert
Fotos: Benelli