Halten Sie die Augen offen! Teil 1

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Es ist geradezu ein Phänomen in Deutschland, dass so viele Flintenschützen ihr „anderes Auge“ beim Schießen schließen. Wenn uns die Natur zwei Augen geschenkt hat, so hat das seinen Sinn. Warum sollte man dann nur eines benutzen?
Vordergründig betrachtet erscheint es, dass das Schließen des „anderen“ Auges – also das andere als das Anschlagsauge – seine Ursache darin findet, sich einer tiefgreifenden Prüfung und Beobachtung der eigenen Augendominanz und des „richtigen“ Umgangs mit ihr entziehen zu wollen. Schaut man näher hin, offenbart sich eine ganze Kette von Missverständnissen und Fehlbehandlungen.


Definition
Was ist Augendominanz? Wikipedia sagt hierzu:
„Augendominanz (Fachbegriff okulare Dominanz von lateinisch oculus „Auge“ und dominus „Herr“) bezeichnet den Umstand, dass das retinale (retina = Netzhaut, Anm. des Verfassers) Abbild des einen Auges eines Lebewesens gegenüber dem retinalem Abbild des anderen Auges bevorzugt wird.
Beim Binokularsehen sind die Augen räumlich unterschiedlich positioniert, dadurch unterscheiden sich ihre retinalen Abbilder, die Netzhäute werden also von unterschiedlichen Lichtstrahlen getroffen. Wenn sich die beiden retinalen Abbilder hinreichend ähnlich sind (ansonsten kommt es zur Binokularen Rivalität), verrechnet das Gehirn sie miteinander zu einem einheitlichen Bild, indem die visuelle Information des nicht-dominanten Auges auf die des dominanten Auges „verschoben“ wird. (Quelle: www.wikipedia.de)
?Die Bedeutung der Augendominanz für den Flintenschützen
Für das Flintenschießen bedeutet das, dass die beiden Augen des Flintenschützen dem Gehirn unterschiedliche Abbilder hinsichtlich der räumlichen Lage des beobachteten Zielobjektes liefern. Diese Abbildungen werden vom Gehirn, von Mensch zu Mensch verschieden, unterschiedlich „verrechnet“. Der eine sieht das Bild so, wie er es auch sehen würde, wenn er nur mit dem Anschlagsauge sehen würde, der andere so, wie er es mit dem anderen Auge sehen würde, beim nächsten wiederum rivalisieren beide Augen derart miteinander, dass weder der eine noch der andere Fall eintreten kann.
Der Begriff „Dominanz“ (Herrschaft) wird zuweilen in der Weise missverstanden, dass geglaubt wird, entweder liefere das rechte oder das linke Auge jeweils komplett und allein das Abbild. Das entspricht in den wenigsten Fällen der Realität. Denn jede Mischung ist möglich und sogar weit verbreitet. Der Dominanzpunkt kann im rechten oder linken Auge liegen oder irgendwo dazwischen, und das kann sich außerdem sowohl in kurzen (während des Schießens einer Wurfscheibe) als auch in langen (während eines Trainings oder Wettkampfes) Zeitabständen verändern.


Forderung
Für den Flintenschützen ist es eine unverzichtbare Notwendigkeit, dass allein das Abbild des Anschlagsauges vom Gehirn verwendet wird, und zwar während des gesamten Bewegungsvorganges eines Flintenschusses und über einen ganzen Schieß-Tag konstant. Zusätzlich sollte ein entspanntes Sehen während des Schießens möglich sein so dass das Abbild des Anschlagsauges nicht durch eine übergroße (unbewusste) Anstrengung der Augen erzeugt wird. Diese Notwendigkeit besteht, damit 

  • die Flinte in der Blickachse des Anschlagsauges dahin gerichtet wird, wohin das Anschlagsauge sieht. Das Anschlagsauge und die Flinte müssen – abgesehen von einem gewünschten Hochschuss – auf den gleichen Punkt „schauen“.
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Welche Folgen hat das Schließen des anderen Auges?
Wer das andere Auge schließt, klammert sein Dominanzthema aus. Wer ausschließlich das Anschlagsauge geöffnet hält, kann natürlich nur mit diesem über die Schiene seiner Flinte sehen. Aber er handelt sich andere Probleme ein: Die folgenden Nachteile gelten für alle Schützen, gleich welcher Dominanz:

  • Das räumliche Sehen geht verloren. Der Schütze sieht das Abbild nur in einer ebenen Fläche.
  • Das Sehfeld wird deutlich kleiner.
  • Manche Menschen verengen ebenfalls die Öffnung des offenen Auges, wenn sie das andere Auge zukneifen, ohne dass sie es wollen oder verhindern könnten. Schlimm genug, dass man nur mit einem Auge sieht, das eine geöffnete Auge bekommt nun noch weniger Licht als es bekäme, wenn beide Augen geöffnet wären.


Es sollte auch erwähnt werden, dass es Menschen gibt, die aus medizinischen Gründen gar nicht in der Lage sind, ein Auge zuzukneifen.
Für denjenigen Schützen, dessen Anschlagsauge nicht allein das Abbild bestimmt, gilt außerdem:

  • Schließt der Schütze erst kurz vor dem Schuss das andere Auge, um bis dahin das räumliche Sehen zu erhalten, „verspringt“ kurz vor dem Schuss das Abbild des Zieles und die Harmonie des Bewegungsablaufes wird zerstört.
  • Wenn der Schütze vergisst, das andere Auge zu schließen, oder versehentlich das Anschlagsauge schließt oder beide Augen, geht der Schuss unweigerlich vorbei. Eine bedeutende Fehlerquelle ist vorprogrammiert. Fragt man einen solchen Schützen nämlich nach dem Schuss, ob sein anderes Auge geschlossen oder geöffnet war, bekommt  man selten eine eindeutige Antwort, sondern eher (sich selbst) fragende Blicke.
  • Ein solcher Schütze ist mit geöffneten Augen nicht in der Lage, seine Flinte in der Blickachse des Anschlagsauges anzuheben und korrekt vor das Anschlagsauge zu bringen.


?Wie häufig ist eine für den ?Flintenschuß unzureichende ?Dominanz des Anschlagsauges?
Nun könnte man ja denken, wen interessiert schon die Augendominanz? Mag der eine oder andere von einer solchen Problematik betroffen sein, man selbst aber doch nicht. Weit gefehlt!
Unter zweitausend Teilnehmern der Detlef-Riechert-Flintenseminare in den vergangenen vier Jahren fand sich folgende Verteilung:

  • Bei etwa nur einem Drittel wurde die räumliche Lage des Abbildes allein durch das Anschlagsauge bestimmt, und zwar sowohl im Ruhezustand als auch während der einmaligen Belastung durch einen Schießvorgang und auch während der Dauerbelastung eines ganzen Schießtages.
  • Bei etwa zwei Dritteln wurde der Schütze entweder schon im Ruhezustand oder während einmaliger Belastung oder aber spätestens nach mehrmaliger Belastung durch das andere Auge hinsichtlich der räumlichen Lage des Zieles in die Irre geführt. Dabei kann die lagemässige Abbildung sogar zeitlichen Veränderungen während eines einzelnen Schusses unterworfen sein, weil sich das andere Auge unterschiedlich stark in die Abbildung einmischt.
  • Es gab sogar Schützen mit einer  100%igen und konstanten Dominanz des Anschlagsauges, die dennoch mit einer Korrektur besser zurechtkamen, weil die Dominanz durch eine übermäßige (unbewusste) Anstrengung der Augen erkauft wurde.

Senso-Motorisches Schießen
Viele Flintenschützen führen ihre Flinte so, wie sie es mit einer Büchse tun würden.
Was ist damit gemeint?

  • Beim Erscheinen des Ziels reißt der Schütze ruckartig unter Vernachlässigung aller anderen Bewegungsvorgänge seine Flinte in den Anschlag und
  • zielt, sobald er die Anschlagbewegung beendet hat, über die Schiene und das Korn auf das Ziel.

Zu diesem Zielen „passt“ natürlich das „Zukneifen“ des anderen Auges, und dort hat es wahrscheinlich auch seinen Ursprung.
Gutes Flintenschießen funktioniert anders, nämlich als senso-motorischer Vorgang. Das Ziel steuert den Bewegungsablauf des Flintenschützen. Das Ziel bewegt sich im dreidimensionalen Raum. Um senso-motorisch schießen zu können, muss man das Ziel anschauen, sich auf dieses konzentrieren und fokussieren und nicht auf die Zieleinrichtung – sprich Schiene und Korn. Das Ziel ist  im dreidimensionalen Raum nur dann wirklich gut zu verfolgen, wenn man selbst auch dreidimensional sieht. Was wiederum nur mit beiden Augen möglich ist.
Harmonisches Flintenschießen beginnt damit, beide Augen geöffnet zu halten. Natürlich gibt es ausgezeichnete und sehr erfolgreiche Flintenschützen, die „einäugig“ schießen. Aber warum sollte man sich das Leben schwer machen, wenn es einfacher geht? Ausnahmefälle sollten nicht das Vorbild für ein allgemeines Verhalten sein.
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Wie stellt man das Dominanzverhalten eines Schützen fest?
Bekannte, aber nicht hinreichend genaue und zuverlässige Verfahren sind die Daumen- oder Ringmethode. Mit ihnen kann man zwar überprüfen, ob jemand auf dem Anschlagsauge so wenig dominant ist, dass das Bild schon im Ruhezustand verspringt. Aber all die anderen, sehr zahlreichen Fälle einer nicht ausreichenden Dominanz des Anschlagsauges werden mit diesen beiden Methoden nicht erkannt.
Das tatsächliche Dominanzverhalten kann nur beurteilt werden, wenn ein erfahrener Flintentrainer von der Mündung her über die Schiene der angeschlagenen Waffe in das Anschlagsauge des Schützen sieht (nachdem er sich vergewissert hat, dass die Flinte ungeladen ist) – wie das in den Abbildungen gezeigt wird. Aber auch das gilt nur für den Ruhezustand. Zwar kann man eine gewisse Anstrengung der Augen simulieren, indem der Trainer einen Finger hin und her bewegt und den Schützen diesen im Anschlag verfolgen lässt. Aber selbst wenn unter diesen Bedingungen die Dominanz ausreichend gut erscheint, eine wirklich endgültige Aussage über eine unter allen Umständen und längeren Belastungen ausreichende Dominanz des Anschlagsauges gewinnt man nur, wenn der Trainer einen Schützen beim Schießen über einen längeren Zeitraum von hinten über die Schulter beobachtet.

Unglaubliche Konsequenzen
Ein unsachgemäßer Umgang mit der eigenen Augendominanz hat schon zu den merkwürdigsten Umständen geführt. Menschen, die das andere Auge aus medizinischen Gründen nicht schließen können (und die gibt es), schießen als Rechtshänder mit links, weil sie glauben, sie müssten das aufgund ihrer Augendominanz tun. Welche Qual! Fatalerweise sind viele von diesen Schützen auf dem linken Auge allerdings auch nicht hundertprozentig dominant – sie haben also ihr Dominanzproblem nicht einmal wirklich gelöst.
Andere wiederum lassen sich einen kostspieligen Krüppelschaft fertigen, was sehr leidvolle Konsequenzen haben kann. Wer sich für eine solche Leidensgeschichte interessiert, möge auf der Webseite  www.outdoorland.de den Erfahrungsbericht der Petra B. lesen.
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Es gibt eine einfache, schnelle und verblüffende Lösung!
Dass so viele Menschen ihr anderes Auge beim Flintenschießen schließen, dass manche sich mit anderen scheinbaren Lösungen quälen, ist umso bedauerlicher, als es ein sehr einfaches Mittel gibt, eine ausreichende Dominanz des Anschlagsauges herzustellen. Es gehört zum Repertoire eines von der Clay Pigeon Shooting Association in England zertifizierten Trainers, jeden Anfänger auf seine Augendominanz hin zu prüfen und ihm, wenn erforderlich, dieses Mittel nicht nur zu zeigen, sondern ihm von Anfang an mit auf den Weg als Flintenschütze zu geben.
Die gute Botschaft ist: Jeder, der es von Natur aus nicht ist, kann mit seinem Anschlagsauge durch einen kleinen „Trick“ zu 100 % dominant gemacht werden, auch dann, wenn er beide Augen geöffnet hält. (Ausnahmen sind diejenigen Fälle, in denen die Sehkraft des natürlichen Anschlagsauges zu schwach ist und aus medizinischen Gründen auch durch eine Brille oder Kontaktlinsen nicht korrigiert werden kann.) Die Korrektur dauert nicht länger als 2 Minuten. Wie man das macht, das erfahren Sie in der nächsten Ausgabe von „Die Flinte“. Bis dahin sei festgehalten:
Halten Sie die Augen offen beim Flintenschießen! (Natürlich erst, nachdem Sie Ihre Augendominanz geprüft und gegebenenfalls korrigiert haben.)

Detlef Riechert
Fotos: Anne Steioff-Dold