Die Passion der Kämpferinnen

Carina Becker (Teil 1)

Viele Wege führen nach Rom – so sagt man. Die Beweggründe, die zum Jagdschein führen, sind vielfältig. Der Wunsch, sich mit Fleisch aus freier Wildbahn selbst zu versorgen, liegt im Trend der Zeit, in der Massentierhaltung und industrielle Fleischproduktion zunehmend in die Kritik geraten sind. Die Sehnsucht, der Natur wieder ein Stück näherzukommen, scheint bei vielen umso stärker zu werden, je weiter sich die Mehrheit der Gesellschaft von ihr entfernt. Das Verlangen, mehr Zeit outdoor zu verbringen, der Urtrieb, Beute zu machen – die Liste dessen, was uns antreibt, ist lang. dieflinte hat unter der Headline „Kämpferinnen“ drei Flintenschützinnen mit ihren unterschiedlichen „Lebensläufen“ vorgestellt. Heute widmen wir uns einer vierten Flintengeschichte, für die uns Carina Becker in einem Interview zur Verfügung steht.

dieflinte: Wie war das bei dir, Carina? Wie bist du zur Jagd und zum Flintenschießen gekommen?

Carina Becker: Zum Flintenschießen bin ich über die Jagd gekommen. Und zur Jagd über meine Hunde.

Seit fast 17 Jahren führen mein Mann und ich Labrador Retriever. Zunächst nur als Familienhunde mit etwas Apportiertraining.

Weil man mit Hund viel in Wald und Feld unterwegs ist, begann ich mich dafür zu interessieren, was da in der Natur so vor sich geht. Natürlich wusste ich, dass der Labrador Retriever ein Jagdhund für die Arbeit nach dem Schuss ist. Aber was passiert vor dem Schuss? Was muss man alles dafür wissen, wenn man einen Schuss abgibt? Im Rahmen der Hunde­ausbildung in einem Verein hatte ich damals nur mit Platzpatronen 6 mm zu tun, manchmal auch 9 mm.

Als ich dann vor einigen Jahren mit einem der Hunde eine jagdliche Prüfung führen wollte und wegen des damals noch nicht vorhandenen Jagdscheines einige Klimmzüge machen musste, um für die Prüfung zugelassen zu werden, war die finale Entscheidung klar: Der Jagdschein muss her.

Ein Arbeitskollege, der auch Jäger ist, hat mich dann zum Schießen der verschiedenen Disziplinen mitgenommen und dann begann die Leidenschaft für das Schießen. Ich schieße gerne mit der Büchse, auch regelmäßig im Schießkino, aber das Flintenschießen ist zu einer Passion geworden. Kurzwaffe habe ich auch probiert, da ist der Funke nicht übergesprungen.

dieflinte: In den vergangenen Jahren bin ich mehrfach Frauen begegnet, die über die Ausbildung ihrer Hunde zur Jagd kamen. Ich fand das interessant, weil mir bisher eher der Werdegang Jagdschein und dann einen Jagdhund anschaffen geläufig war. Der umgekehrte Weg scheint mir, zunächst rein statistisch gesehen, ein eher weibliches Element zu sein. Wie die Reihenfolge auch immer sein mag, die Kombination aus Flintenschießen und dem Führen eines Jagdhundes habe ich stets als großes Glück empfunden. Aber lass uns zuerst auf das Flintenschießen eingehen. Im Zusammenhang mit diesem werden gerne Begriffe wie Leidenschaft, Passion, Faszination und Freude verwendet. Du selbst sprichst von deiner Passion. Was hat das Flintenschießen für dich, was das Schießen mit der Kurzwaffe und der Büchse nicht in gleicher Weise haben?

Carina Becker: Es sind einige Dinge. In erster Linie die Harmonie zwischen Schütze und Waffe, wenn zum Zeitpunkt der Schussabgabe intuitiv alles passt und man mit einem Volltreffer belohnt wird.
Zweitens: Flintenschießen wird nie langweilig, denn selbst wenn man sich eine schwierige Wurfscheibe lange erarbeiten muss bis man sie zuverlässig trifft, ist jeder Ablauf bis zum Schuss etwas unterschiedlich. Natürlich spielt auch Ehrgeiz eine gewisse Rolle, das Treffenwollen, mit dem damit verbundenen Adrenalin. Freude pur!
Wegen der Vielseitigkeit mag ich die Wurfscheiben im Jagdparcours am liebsten. Und in der Jagd weiß man sowieso nicht, was wie kommt. Drittens: Für einen „Draußen“-Mensch wie mich ist diese Art des Schießens ideal. Viertens: Nicht zuletzt finde ich die Flinte an sich eine elegante Waffe, die ich gerne handhabe.

dieflinte: Mich haben Zeit meines Lebens Biografien ganz allgemein interessiert. Weil ich finde, dass man aus ihnen für sein eigenes Leben weitaus mehr lernen kann, als das aus Lehrbüchern jemals möglich sein könnte. Davon abgesehen empfinde ich es als kurzweilig und spannend, etwas aus dem Leben anderer Menschen zu erfahren. Lass uns mit deiner Flinte beginnen. Du führst aktuell eine Benelli 828U Black, richtig?

Carina Becker: Ja, das stimmt.

dieflinte: Warum hast du diese Flinte ausgewählt? Was an ihr findest du gut, was an ihr weniger, was vielleicht gar nicht? Hast du sie eher aus jagdlicher oder aus Schießstandsicht ausgesucht?

Carina Becker: Es ist nicht meine erste Flinte. Meine erste Flinte habe ich mir kurz nach Bestehen der Jägerprüfung gekauft. Eine Beretta White Onyx im Kal. 12/76 mit 71er-Läufen. Sie ist in vielem identisch mit der beliebten Silver Pigeon Jagd. Damenmodelle gab es zu dieser Zeit noch nicht. Da ich recht klein und zierlich bin, wurde der Hinterschaft ex­trem gekürzt, was dazu führte, dass die Balance der Flinte nicht mehr vorhanden war. Um dies auszugleichen, wurde
der Hinterschaft vom Büchsenmacher mit Blei­gewicht gefüllt. Ich bin damit gut zurechtgekommen, nur war langes Schießen auf dem Jagdparcours wegen des hohen Gewichtes einfach sehr anstrengend. Ich hatte dann die Möglichkeit, eine Flinte im Kal. 20 probezuschießen und war angetan von der Leichtigkeit. Dann war klar, dass ich mich nach einer anderen Flinte umschauen wollte, die besser zu meinen physischen Gegebenheiten passt. Nach dem Probeschießen diverser Modelle ist es die Benelli 828U Black geworden. Sie lag gleichauf mit der Beretta 691 Vittoria Jagd im Kal. 20. Aber da das Kal. 12 verbreiteter ist und mir die Benelli optisch sehr gut gefällt, habe ich mich dafür entschieden.

Sowohl die Beretta als auch die Benelli habe ich als Jagdflinten gekauft, die ich auch auf dem Schießstand führe.
Momentan habe ich noch nichts festgestellt, das mir an der Benelli nicht gefällt. Im Vergleich zur Beretta ist sie auch von der Bedienung her etwas „gefügiger“, vor allem im heißgeschossenen Zustand.

dieflinte: Jagen mit Hund und Flinte? Wenn ich dir diese Frage stelle, sprudelt es aus dir heraus, oder? Das ist deine ganz große Leidenschaft?

Carina Becker: Das ist die absolute Krönung des Ganzen! Gemeinsam Beute machen und zu sehen, wie ein gut ausgebildeter Jagdhund das geschossene Stück findet und apportiert, ist wirklich ganz großes Kino. Mein erstes Stück Wild war ein mit der Flinte erlegtes Kaninchen. Mein damaliger Rüde hat es apportiert, als ob wir schon Jahre zusammen zur Jagd gingen, und es war für ihn vollkommen normal. Diesen Moment vergesse ich nie.
Auch in den Hundeaugen erkennt man ihre Freude und Passion an dieser Tätigkeit. Dafür wurden sie gezüchtet. Die Ansitzjagd mit der Büchse und auch Drückjagden haben ihren Reiz. Aber diese Teamarbeit mit dem Hund ist nicht zu übertreffen. Aus verschiedenen Gründen sind meine Möglichkeiten zu einer solchen Art der Jagd in den letzten Jahren sehr viel weniger geworden, was ich sehr bedaure. Nichtsdestotrotz geht natürlich das Hundetraining in diesem Bereich und auch meine Arbeit mit der Flinte weiter! Vorbereitet sein ist alles.

dieflinte: Vielen Dank, Carina, fürs erste. Mir liegen da noch ganz viele Fragen auf der Zunge. Bis zum nächsten Mal!

Das Interview wurde geführt von Detlef Riechert.

Fotos: Carina Becker