Anschlagübung 2.0

Heimschießkino
Das Projekt Anschlagübung 2.0 begann vor vielen Monaten in einem Partykeller meines Freundes Thomas. Er hat vor zwei Jahren ein Haus aus den 70er-Jahren gekauft und war nun stolzer Besitzer eines opulenten Partykellers. Ich fühlte mich wie auf einer Zeitreise in meine Kindheit. Schallplattencover von Abba, Boney-M und Sängern mit breiten Krägen und Schlaghosen. Dazu noch eine wunderschöne Fototapete mit einem leicht vergilbten Sandstrand, auf dem bestimmt die Bacardy-Werbung gedreht wurde.

Der Abend nahm seinen Lauf
Es war klar, dass dieser Partykeller zeitnah eingeweiht werden musste. An einem Freitag setzten wir uns an die Theken die es mit jeder Theke einer öffentlichen Kneipe aufnehmen kann. Dahinter, so wie es sich gehört, Thomas, der uns bediente. Eine 70er-Jahre Playlist über Spotify rundete das Bild ab.

Wenn Sportschützen und Jäger zusammensitzen, dauert es nicht lange, bis die ersten Kalibergespräche beginnen. Thomas berichtete uns von seiner neuesten Errungenschaft. Er hatte sich über E-Gun eine Sig Sauer P226 gekauft und diese auch schon komplett zerlegt, gereinigt und wieder flottgemacht. Stolz präsentierte er uns sein Schießeisen und jeder nahm die Pistole mal in die Hand. Danach folgte die übliche Diskussion über Sinn und Unsinn von Kurzwaffen bei der Nachsuche. Mein Bruder wusste dann noch zu berichten, dass eine Kurzwaffe nur Sinn macht, wenn man damit auch regelmäßig übt.

„Da habe ich was!“, sagte mein Freund Thomas und verschwand. Nach kurzer Zeit kam er mit einem Laptop wieder in den Partykeller und fing an „irgendetwas“ aufzubauen. „Nehmt Euch noch ein Getränk! Ich brauche noch eine paar Minuten.“ Nach ca. zehn Minuten war alles einsatzbereit. Eine ausgedruckte Zielscheibe hing an der Wand. Auf dem Monitor des Laptops sah man diese Zielscheibe, die durch eine Webcam dauerhaft gefilmt wurde. Wenn also irgendwas auf der Zielscheibe passierte, wurde das von der Software registriert. Jetzt wurde mir langsam klar wo die Reise hingehen würde.

Thomas nahm seine P226 und eine kleine Laserpatrone aus einer Schachtel und legte sie in das Patronenlager. Er erklärte, dass diese eine besondere Laserpatrone sein. Nicht etwa ein Schussprüfer, sondern eine Trainingspatrone. Er zielte auf die Zielscheibe und betätigte den Abzug. Ein kleine Laserpunkt blitzte auf der Zielscheibe kurz auf. Die Webcam registrierte den Punkt und übergab das Bild an das Laptop. Die Software wertete nun die Treffpunktlage aus und stellte den Treffer grafisch auf der Zielscheibe auf dem Monitor des Laptops dar. Treffer! Acht Punkte.

Was dann geschah, kann man sich sicher denken. Es wurde den ganzen Abend aus allen Positionen und unterschiedlichen
Distanzen auf die Zielscheibe geschossen. Der Laserpunkt blitzte immer wieder auf und die Software verriet uns schonungslos, ob und wie wir getroffen haben.

Trockentraining
Aus Spaß wurde Ernst. Ziemlich schnell wurde klar, dass aus dem Party-Gag eine ernstzunehmende Möglichkeit werden kann, um seine Schießfertigkeiten zu trainieren. Bei der Pistole geht es natürlich um Abzugsübungen. Das System aus Laptop, Webcam und Software zeigt einem sehr schnell, ob man sauber den Abzug betätigt oder ob man verreißt.

Ich habe mich natürlich sofort um ein eigenes Schießkino gekümmert, da ich mit meiner Pistole auch nur mäßige Ergebnisse auf die Scheibe bringe. An der Pistole kann es nicht liegen. Die PX4 von Beretta ist super, aber das Problem steht halt oft hinter dem Abzug. Nachdem ich über einen Zeitraum von vier Wochen regelmäßig geübt hatte, konnte ich eine deutliche Verbesserung in der Treffpunktlage verzeichnen. Die Software kann mehrere Schüsse zusammenzählen und dann das Endergebnis präsentieren. Bei fünf Schüssen lag ich irgendwann bei 48 Punkten.

Der Anschlag
Relativ schnell kam mir die Idee, dass man mit der gleichen Technik den Anschlag mit der Flinte trainieren bzw. überprüfen kann. Hätte man eine Trainingspatrone im Kaliber 12, könnte man diese in seine Flinte legen und wie mit der Pistole aus einer Distanz von zehn Metern auf die Zielscheibe schießen. Die Software verrät einem dann, wie die Treffpunktlage ist. Anschlagfehler würden sehr schnell zutage treten, weil man einfach nicht im Zentrum liegt. Die Gründe können natürlich vielfältig sein. Entweder passt die Flinte nicht, oder man schlägt nicht sauber an.

Augendominanz
Mit dem Heim-Schieß-Kino kann man noch eine weitere Fehlerquelle aufdecken. Schaut man falsch über die Flinte, wird die Software ebenfalls ein schlechtes Ergebnis melden. Somit kann das Thema Augendominanz auch über das kleine Heim-Schieß-Kino überprüft werden. Was der ein oder andere eventuell nicht weiß ist, dass sich die Augendominanz über einen langen Zeitraum ändern kann. Es ist also ratsam, immer mal wieder zu testen, ob man mit dem richtigen Auge schießt.

Gerade im Bereich Augendominanz gibt es immer noch viel Aufklärungsarbeit zu tätigen. Viele selbster nannte Schießlehrer tun das Thema als Voodoo-Kram ab und behaupten, dass man nur mehr Vorhalten und etwas flotter werden muss. Eigentlich müsste man glauben, dass das Thema Augendominanz fast jeden Schießstand erreicht hat, aber die Praxis zeigt immer noch viele weiße Stellen auf den Landkarte.

Schussprüfer vs. Trainingslaser
Wenn man sich nun für das Thema interessiert, wird man schnell über den Preis eines Trainingslasers stolpern. Zum einen gibt es kaum Anbieter und zum anderen kosten die Trainingslaser meist deutlich über 100 Euro. Im Vergleich zu einem „normalen“ Laser, der vielleicht 20 Euro kostet, ist das schon ein deutlicher Unterschied.

Der Unterschied ist, dass der Trainingslaser nur leuchtet, wenn der Schlagbolzen auf den Auslöser schlägt. Im besten Falle sollte der Laser eine konstante Zeit leuchten. Die ersten Tests mit mechanischen Konstruktionen ergaben deutliche Unterschiede bei den Leuchtzeiten. In einer B525 verweilte der Schlagbolzen ausreichend lange, um einen deutlichen Leuchtpunkt auf die Zielscheibe zu bringen. In einer DT11 war die mechanische Lösung überfordert. Der Schlagbolzen der DT11 schnellt so schnell wieder in das System zurück, dass man den Laserpunkt auf der Zielscheibe kaum erkennen kann. Somit hat dann auch die Software große Probleme den Punkt zu erfassen, einzumessen und zu bewerten.

Bei einer Laserpatrone mit elektronischer Auslösung ist es egal, wie lange der Schlagbolzen auf dem Auslöser verweilt. Der Laserstrahl ist immer konstant. Eine Anfrage an den Hersteller der Software ShotVerify ergab, dass 0,1 Sekunden ein optimaler Wert ist.

Anschlagübungen mit dem Schussprüfer
Natürlich kann man auch mit einem Schussprüfer seinen Anschlag üben. Wir haben schon häufiger im Heft darüber berichtet. Wer das sauber und regelmäßig macht, wird seinen Anschlag im Laufe der Zeit verbessern.

Man läuft jedoch Gefahr, dass man sich durch den permanenten Laserstrahl selbst korrigiert und anfängt zu mogeln. Sitzt der Strahl nicht da wo er hin soll, wird kurz nachjustiert. In der Realität geht das natürlich nicht. Macht man den Finger krumm, kann nichts mehr nachjustiert werden. So funktioniert auch der Trainingslaser. Man schlägt an, und ob der Anschlag richtig sitzt, sieht man erst, wenn man den Abzug betätigt. Eine Korrektur ist nicht mehr möglich. Der nächste Versuch muss dann die Verbesserung bringen. So ist es auch auf dem Schießstand. Der Schießstand befindet sich aber nun im Wohnzimmer, Flur oder Keller, je nachdem wo man sein Mini-Schieß-Kino aufgebaut hat.

Technik
Es gibt zwei Herangehensweisen. Entweder man nutzt die Software „Sharp Spotter“ mit einem Windows-PC oder Laptop und eine Webcam. Die Software ist kostenlos. Die Bedienung ist etwas gewöhnungsbedürftig, kann aber im Endeffekt alles, was man für ein Heim-Schieß-Kino braucht. Laptop und Webcam sind häufig im Haushalt vorhanden, und somit kann man sofort loslegen, wenn man eine Trainingspatrone besitzt. Die Zielscheiben muss man sich wohl selber basteln oder irgendwo besorgen. In der Software kann man dann die unterschiedlichen Zonen für die Trefferbewertung definieren. Das ist etwas „fummelig“, dafür ist die Software aber auch kostenlos. Ein Trainingslaser leuchtet nur 0,1 Sekunden im Gegensatz zu einem Schussprüfer, der immer leuchtet.

Die Alternative sind Apps auf Smartphone oder Tablet. Der Vorteil ist, dass Monitor und Kamera vereint in einem Gerät sitzen und nahezu jeder ein Smartphone besitzt. Hardware muss somit nicht mehr angeschafft werden. Dafür sind die Apps kostenpflichtig. Die App „Laser Schießstand“ im Google Play kostet 10,99 Euro und ist auch nur für Android verfügbar. Die App „Shot Veryfier LT“ schlägt mit 7,99 Euro zu Buche und ist im Moment nur für Apple erhältlich. Das soll sich aber im Herbst ändern. Der Hersteller hat eine Version für Android angekündigt. Bei dieser App sind die Zielscheiben in der Software integriert und können direkt aus der Software runtergeladen und ausgedruckt werden. Dazu kommt, dass das Einmessen der Zielscheiben automatisch erfolgt.

Vom gleichen Hersteller gibt es noch eine Profivariante mit dem Namen „iSchütze“, die eine sehr viel genauere Auswertung der Treffer machen kann. Das ist für den Lochstanzer wichtig, der Treffer auch noch im Nachkommabereich bewertet haben möchte. Dafür kostet die App aber auch 29,99 Euro.

Nutzt man die App, braucht man ein Stativ mit einer Handy- oder Tablethalterung. Ein Stativ hat man oft irgendwo zu Hause rumstehen, aber eine Halterung eher nicht. Eine Universalhalterung für ein Tablet von Zacro kostet bei Amazon beispielsweise 8,39 Euro. Bei der Patrone ist das Angebot dünn. Es gibt von Sure Strike ein Angebot für ca. 170 Euro mit einem Satz Zielscheiben. Auf Amazon gibt es deutlich günstigere Angebote um 100 Euro. In Deutschland dürfen nur Laser der Klasse 1 mit weniger als 1 mW verkauft werden, da ansonsten eine Gefährdung für Augen und Haut entstehen könnte, wenn man direkt oder indirekt mit dem Laser angestrahlt wird. Dazu kommt, dass die Laser ein CE-Label haben sollten.

Aufbau und Einrichtung

Wir haben uns für den ShotVeryfier LT entschieden und wollen im Folgenden den Aufbau und die Einrichtung unseres Heim-Schieß-Kinos beschreiben:

Nachdem wir die Software aus dem Apple-Store geladen haben, drucken wir uns die Zielscheiben aus, die die App für uns bereitstellt. Eine Zielscheibe, die die Software bereitstellt. Bei der Software ShotVeryfier sind die Größenverhältnisse der Zielscheiben und der Abstand vom Schützen zur Zielscheibe genau berechnet. Somit kann der Kugelschütze eine Entfernung von 25 Metern genau simulieren. Bei uns Tontaubenschützen ist das nicht ganz so wichtig, da es eher um eine qualitative als quantitative Bewertung der Treffpunktlage geht. Auswahl der Zielscheiben. Man kann direkt drucken oder sich die Scheibe per Mail schicken lassen. Darüber hinaus stehen noch diverse Möglichkeiten bereit. Danach fixieren wir unser Tablet oder Smartphone in der Halterung und starten die Software. Richtet man nun die Kamera auf die Zielscheibe aus, merkt man schnell, dass das Bild in der Software nicht mit dem der Zielscheibe übereinanderpasst. Das bedeutet, dass man durch vergrößern und verkleinern die beiden Bilder übereinanderbringen muss. Dafür steht eine Funktion für das Vergrößern und Verkleinern sowie eine Funktion für Verzerrung zur Verfügung. Eine Verzerrung ist dann notwendig, wenn das Tablet oder Smartphone nicht direkt vor der Zielscheibe steht. Also eigentlich immer. ShotVeryfier LT hat dafür eine Automatik. Anhand der Codierung in den vier Ecken, erkennt, skaliert und verzerrt das Bild, wenn es sein muss.

Das Bild der Kamera muss noch mit der echten Zielscheibe synchronisiert werden. Entweder macht man das manuell, oder man nutzt die Funktion „Auto Detect Target“. Im nächsten Schritt wird der Laser kalibriert. Ein paar Schüsse auf die Zielscheibe, und die Software erkennt die Intensität des Lasers. Bestätigt man den Vorgang, kann es losgehen.Man kann noch diverse Einstellungen wie Schussanzahl, Countdown oder einen Duell-Modus in der Software vornehmen. Es stehen noch diverse Einstellungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Fazit
Das Mini-Heim-Schieß-Kino ist ein absoluter Hit für wenig Geld. Neben dem Spaßfaktor mit Freunden und Familie kann man Anschlag und Abzug trainieren, ohne auf den Schießstand zu gehen. Es ist schnell aufgebaut, und wenn man ShotVeryfier anstatt ShotVeryfier LT benutzt, kann man sogar noch dynamische Funktionen benutzen, die aber eher in die jagdliche Richtung oder bei den IPSC-Freunden einsortiert werden müssen.

Einen Besuch auf dem Schießstand ersetzt es allerdings nicht, da der Rückschlag fehlt und der Flintenschütze nur den Anschlag üben kann. Da haben anderes Systeme wie Marksman die Nase vorn, weil diese auch das Vorhaltemaß, Weg der Flinte und Weg der Taube simulieren können. Es gibt aber beim Preis einen erheblichen Unterschied von mehreren Tausend Euro.

Text: Dominik Allartz Foto: Robert Spingys