Aktivierung und Leistung

Für Höchstleistung im Wettkampf ist die richtige Wettkampfspannung eine wichtige Voraussetzung. Daher ist im Sport neben dem Entspannen auch die systematische Anspannung oder Aktivierung bzw. der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung eine wichtige Fertigkeit (z. B. der Wechsel zu den verschiedenen Schießständen). Im Vordergrund sollte jedoch nicht ausschließlich die körperliche Aktivierung stehen (Beckmann/Elbe, 2008). Dass die kognitive Bewertung einen enormen Stellenwert im Leistungssport einnimmt und ggf. über Sieg oder Niederlage entscheiden kann, konnte in der Sportwelt nur allzu häufig beobachtet werden. Umso beeindruckender steht hier stellvertretend die Leistung des Ausnahmesprinters aus der Karibik, Usain Bolt. Der Umgang mit Störungen oder Dingen abseits der eigentlichen Handlung (Laufen) scheinen ihn nicht in seiner Konzentration negativ zu beeinflussen, sondern eher zu beflügeln. Doch warum ist dies so? Eine mögliche Antwort darauf liefert Hain (2000).

 

Zone des individuell optimalen Funktionierens (IZOF)

Hain entwickelte ein Modell, nach dem jeder Sportler ein für sich optimales Aktivierungsniveau besitzt. Dass sich ein erhöhtes Aktivierungsniveau nicht zwangsläufig negativ auf die Leistungen auswirkt – wie nach dem Modell von Yerkes und Dodson (1908; vertiefend dazu siehe Stoll/Alfermann und Abbildung) – konnte Hain/Raglin (2000) belegen. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass erfolgreiche Athleten vor dem Wettkampf ein Aktivierungsniveau angegeben hatten, die näher an der IZOF (Individuelle Zone des optimalen Funktionierens) lagen als weniger erfolgreiche Athleten. Entscheidend ist vielmehr die kognitive Komponente, sprich die gedankliche Bewertung der Situation. Gedanken an Vergangenes oder Zukünftiges können das Abrufen der „peak performance“ stören. Wenn es aber drauf ankommt, werden viele Sportler durch die geänderte Situation (z. B. Erwartungen, Medien, Konsequenzen, Zuschauer) von der Konzentration abgelenkt und beschäftigen sich mit dieser Situation (Mayer/Hermann, 2011). Fachpsychologisch spricht man in diesem Zusammenhang auch von der Lageorientierung (In welcher Situation befinde ich mich?), zu deren Gunsten die Handlungsorientierung (Was ist hier zu tun?) aufgegeben wird (Kuhl, 2001). An diesem Punkt ist der Übergang zur positiven Selbstgesprächsregulation fließend. Wahrgenommene körperliche Erregung unmittelbar vor dem Wettkampf kann als Nervosität gedeutet werden und erhält somit eine negative, verunsichernde Bewertung. 

Anstelle von Verunsicherung kann die körperliche Erregung jedoch als Anzeichen für Bereitschaft gedeutet werden – Puni (1961) nennt dies in diesem Zusammenhang „kampfbereit“. Die Komponente der körperlichen Erregung wird in diesem Zusammenhang als Notwendigkeit für eine maximale Leistung angesehen. Die Kunst ist es, sein eigenes optimales Niveau zu finden. Hier zeigt sich in der Praxis mit vielen Sportlern, dass diese den meisten Athleten nicht genau bekannt ist. Der kommende, 

in Zusammenarbeit mit den Herausgebern der „Die Flinte“ angebotene Workshop soll Abhilfe schaffen. Ziel ist es, seine IZOF auf die Schliche zu kommen und entsprechende sportpsychologische Trainingstechniken kennenzulernen und anwenden zu können. 

Bolt scheint seine IZOF bestens zu kennen und nutzt bewusst die Aufmerksamkeit der Zuschauer und deren Reaktionen auf sein Verhalten unmittelbar vor dem Start. Zeitgleich hat es den – aus seiner Sicht – positiven Effekt, dass sich möglicherweise seine Kontrahenten aus dem Konzept bringen lassen und ihre Zone verlassen. 

 

 

Quellennachweis auf Anfrage beim Verfasser